Berlin : Kurzmeldungen

Elisabeth Binder

PRO

Warum man sich an alte Höflichkeitsformen halten sollte? Ganz einfach: Sie entsprechen voll und ganz modernen Bedürfnissen. Sie sparen Zeit und machen das Leben eleganter und einfacher. Und sie vermitteln den Eindruck von Sicherheit und Souveränität. Man muss nicht fürchten, gleich in die katholische Kirche eingemeindet zu werden, wenn man einen Kardinal auch Kardinal nennt. Auch wird das Kaiserreich nicht wiederkommen, wenn man das Wort „Graf“ in den Mund nimmt. Beides gehört nach deutschem Recht zum Namen. Formen schaffen im Gegenteil sogar eine angenehme Distanz und ersparen einem langes Nachdenken in kniffeligen Situationen. Wenn eine Gruppe formvollendeter Menschen einen Fahrstuhl betritt, geht es zu wie bei einem gut einstudierten Tanz: erst die älteren Damen, dann die jüngeren, dann die älteren Herren, dann die jüngeren. Einfach. Wo ein Trupp Prolls den Aufzug entert, kommt es rasch zu Rempeleien und blauen Flecken, weil beim unkoordinierten Reindrängen einer über des anderen Füße stolpert. Unangenehm. Je härter das Leben wird, desto populärer werden gute Umgangsformen. Kein Wunder. Sie bringen Anmut in die Welt und dem, der sie praktiziert, Erfolg. Eine formvollendete Geste der Höflichkeit kann einem anderen Menschen zudem einen Moment echter Freude bereiten, selbst wenn es sich nur um eine aufgehaltene Tür handelt. Gibt es ein einfacheres Mittel, schwierige Zeiten aufzuhellen?

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