Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

No. 52,

Pfuelstraße 5, Kreuzberg, Tel.: 616 52 818, geöffnet täglich von 18 bis 2 Uhr

Kreuzberg ist gefährlich, na klar, bei den Autonomen weiß man ja nie. Bänglichkeit nistet denn auch weiterhin in den Herzen Berliner Barbesitzer, weshalb Investitionen in ein neues Cocktail-Etablissements meist um das Krawallviertel herumgeschleust werden. Obwohl in Kreuzberg das elegant drinking noch arg unterentwickelt ist, sieht man mal von „Würgeengel“ und „Dos Piranhas“ ab.

Doch nun hat sich wieder jemand getraut, allerdings leise. Wer das No. 52 finden möchte und nur eine vage Beschreibung hat, kurvt erstmal an der Oberbaumbrücke herum und tastet sich dann an der Spree entlang. Bis zu einer ehemaligen Fabrik, die schon vor Jahren in Loft-Etagen verwandelt wurde, mit einer für Kreuzberger Verhältnisse ausnehmend propperen Fassade. Doch ein Bar-Schild gibt es nicht, auch keine Nummer 52. Dafür nähert sich potenziellen Gästen ein unauffälliger, mittelalter Orientale mit Wollmütze. Freundlich weist er den Weg zu einer grünen Stahltür in der Einfahrt, „hier bitte“. Eine pfiffige Taktik des Barbetreibers: Autonome würden niemals einen Migranten schlagen. Der Wollmützenmann hält linke Cocktailhasser besser ab als jeder Polizeitrupp.

Das weitflächige No. 52 ist mehr als nur eine Bar. In der unteren Etage locken Restaurant (angeblich schon ein Prominententreff) und Tanzclub und im Sommer auch die schöne Spree-Terrasse. Oben breiten sich Bar und Lounge aus. Das gesamte Cocktailabteil ist gespickt mit knarzigen Teekisten, anstelle von Tischen, sowie allerlei Sesseln, vom eleganten Lederfauteuil bis zum Second-Hand-Körbchen. An der Wand über der Treppe zum Restaurant prangt das gemalte Logo der Gin-Marke „Bombay Sapphire“. Verschlungene Blumenornamente zieren die Decke und das weitere Gemäuer, der Steinfußboden ist mit Sternen bemalt. In einer Ecke ruht ein Piano. Hinter dem dunklen Holztresen erstreckt sich eine ebenfalls home-made-gepinselte Weltkarte, auf der (das britische) Indien ganz Burma und Pakistan einschließt, das osmanische Reich den halben Balkan und reichlich Arabien. Außerdem reicht Frankreich ziemlich tief in die Sahara hinein. Colonial style wird im No.52 leicht und locker präsentiert, als eigenwilliges und politisch nicht so ganz korrektes Designerspiel.

Da muss der Keeper natürlich auch ein bisschen Exotik bieten, und siehe: Am linken Arm sind japanische Schriftzeichen eintätowiert. Die Karte hingegen wirkt spartanisch. Nur 16 Mixdrinks. Der Keeper lächelt. Seine drei Kollegen hätten noch nicht das Niveau erreicht, deutlich mehr Cocktails mit der gebotenen Perfektion zu fabrizieren. Nach und nach werde die Karte jedoch erweitert. Da hätte der drinking man beinahe „chapeau!“ gerufen. Endlich eine Berliner Barcrew, die sich nicht überschätzt und ihre Gäste an Dilettantendrinks leiden lässt.

Die compañera bekam einen Waikiki Sling (Gin, Mandelsirup, Lime Juice, Zitronensaft, Orangen-Ananassaft) und hauchte entzückt „very nice“. Ähnlich sinnenfroh verkehrte der drinking man mit dem fruchtigen Midori Melon (Weißer Rum, japanischer Melonenlikör Midori, Lime Juice, Zitronensaft, Maracujanektar) und dem geschmeidigen Cosmopolitan (Wodka, Zitronensaft, Cointreau, Grenadine, Cranberry-Saft), bekannt als Dauerdroge der Frauengruppe in „Sex and the City“. Wunderbar. Dieses Lokal ist allen Kreuzberg-Reisenden zu empfehlen. Den Kreuzbergern natürlich auch. Aber bitte nicht den Mann mit der Wollmütze überrennen.

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