Berlin : Kurzmeldungen

Stephan Wiehler

CONTRA

Büchersturm im Klassenzimmer, raus mit den verstaubten Klassikern, die Jugendlichen das Lesen verleiden. Bravo statt Brentano? Hip Hop statt Heine? Der Kanon literarischer Werke im Deutschunterricht ist über Generationen gewachsen und hat sich immer verändert. Klassiker kommen nicht aus der Mode, weil ihre Einsichten von zeitloser Geltung sind. Daher ist kaum zu glauben, dass Schillers Gangsterboss Franz Moor, der die Gegend mit seiner Räuberbande unsicher macht und doch nur die Liebe seines Vaters sucht, Schülern nichts mehr zu sagen haben soll; dass Goethes Leiden des jungen Werther, seine Verzweiflung bis zur tödlichen Selbstopferung, junge Menschen plötzlich kalt lässt. Ausgerechnet in diesen Zeiten. Der Verdacht liegt nahe, dass es vielmehr um das grundsätzliche Problem geht, heutigen Schülern den Zugang zum Erfahrungsschatz der Literatur zu öffnen. Deutschlehrer treten gegen die übermächtige Konkurrenz des Fernsehens, des Computers und des Internets an. Dennoch lassen sich Klassiker nicht ersetzen. Bravo und Popmusiktexte mögen das Lesenlernen leichter machen, sie fördern aber zugleich die kritiklose Identifikation mit dem Sprachmüll der industriell produzierten Jugendkultur. Die Begegnung mit klassischer Literatur im Deutschunterricht ist für Schüler heute oft der einzige Zugang zu einer ungleich reicheren Sprachwelt, die zugleich Bestätigung wie Distanz zur eigenen Erfahrungswelt bietet. Diesen kostbaren Weg zur Geistesbildung sollte Schule nicht verbauen. Stephan Wiehler

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