Berlin : Kurzmeldungen

Esther Kogelboom

THEKENTANZ

Zentral Berlin

S-Bahn-Bogen Nummer 131, Roch- Ecke Dircksenstraße, Mitte

Ausgehen ist ganz schön langweilig geworden, sagen viele, und sie gähnen und seufzen dabei. Es gibt auch Diskussionen: Sind die Clubs schlecht oder wir zu schlapp? Gibt es wirklich nichts Neues oder haben wir bloß schon alles gesehen? Oder, mein Gott, sind wir am Ende sogar alt geworden? Stirbt der Amüsiertrieb ab, wenn man brutal auf die dreißig zugeht? Und dann ist es auch noch kalt. Neulich waren wir länger auf den Beinen, weil Jim Avignon uns hinter dem Ofen hervor und ins Zentral gelockt hatte, einen zentral gelegenen Club in den S-Bahn- Bögen zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt, der so geformt ist wie eine Kurmuschel. Es steht nicht viel drin, nur ein paar Sessel drücken sich an der gebogenen Wand entlang. Es gibt eine kleine Bar, wo man von netten Leuten preisgünstige Getränke bekommt. Zum Glück ist das Zentral weit davon entfernt, eine blöde Lounge zu sein.

Jim Avignon wollte uns etwas vorspielen, seine neue Platte. Doch der Lieblingsbegleiter machte schon vor dem Eingang schlapp: „Sechs Euro? Viel zu teuer. Ich muss früh raus.“ Zwei Freundinnen waren auch da, außerdem die Sex-Kolumnistin der „taz“, zwei Münchner und jemand aus dem Remstal, der sein Bier mit einer jovialen Geste über mein Kleid geschüttet hat und dann anfing, nervös am Kleid herumzuwischen. Jim Avignon sang laut und gut und verdächtig professionell. Einer ist in Ohnmacht gefallen. Es war stickig, sie mussten ihn raustragen.

Der Abend hatte also alles, was ein guter Abend braucht: Sex, Süden, Schweinerei und super Musik. Wir haben uns trotzdem nur normal, so durchschnittlich bis ganz gut also, amüsiert. Man stelle sich das vor: Der Künstler kam gegen zwei Uhr, als fast niemand mehr im Zentral war, zu uns und raunte: „Hey, Peaches legt gerade im White Trash auf!“ Für eine Sekunde waren wir begeistert. Dann dachten wir daran, dass es zu Hause warm sein würde und nicht so stickig, und wer weiß, vielleicht wiederholt RTL nachts Gameshows. Stumm halfen wir dem Künstler, seine Sachen zum Taxi tragen. Um drei Uhr früh schleppten wir ein Keyboard zum Taxistand vor der Brezelbäckerei am Alex. (Viele Leute essen nur noch Sachen, die man bei Ditsch und LeCrobac kaufen kann.) Früher wären wir bis zur ersten U-Bahn unterwegs gewesen. Auf halbem Weg überholte der Taxifahrer den Remstaler, der mutterseelenallein die Karl-Marx-Allee entlang ging. Richtung Osten. Aber die Sonne ging noch lange nicht auf.

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