Berlin : Kurzmeldungen

David Ensikat

PRO

Ich war ja selbst der Weihnachtsmann. Habe Kinder erschreckt und beglückt, habe sie zitternd Gedichte aufsagen lassen, habe einem Kind alle Nuckel weggenommen – und habe mir hinterher an der Wohnungstür vom Papa den studentischen Tariflohn zustecken lassen. Der ganze Zirkus beruhte auf der fiesen Lüge, dass ich’s wirklich sei: ich, der Weihnachtsmann. Was wäre denn gewesen, wenn die Kinder Bescheid gewusst hätten? Wenn ihre Eltern sie zuvor mal beiseite genommen hätten: „Hör zu, da gibt es eine putzige Tradition: Die Geschenke bekommst du von einem Mann, der einen Fusselbart trägt, meistens ist’s ein falscher, dann sieht’s besonders lustig aus. Und er steckt in einem Coca-Cola-roten Mantel, in dem er schwitzen muss.“ Nicht nur die Kinder hätten hinterher besser schlafen können – mein Job wäre auch einfacher gewesen. Die Kinder hätten nicht vor Angst schlotternd Gedichtstrophen doppelt hergesagt, sie hätten weniger auf mich gestarrt, hätten sich eher um ihre Geschenke gekümmert. Das hätte Zeit gespart, ich hätte den Weg zur nächsten Bescherung in großer Ruhe beschreiten können. Schauen Sie sich mal um, wie die Rotkutten am 24. durch die Stadt rasen! Verkehrsrowdys um des nächsten, pünktlichen Kinderschocks willen.

Nein, liebe Eltern, macht klar Tisch, macht es den Kindern leichter und auch den Weihnachtsmännern. Und wenn die ersten den zweiten mal am Bart ziehen, dann lassen Sie’s geschehen. Wehren muss sich der Weihnachtsmann allein. Kann er’s nicht, bekommt er kein Trinkgeld.

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