Berlin : Kurzmeldungen

Gerd Nowakowski

CONTRA

Der kleine Mao aus Berlin, den seine linken Eltern Ende der Sechziger Jahre nach dem chinesischen KP-Chef benannten, war arm dran. Auch Weihnachten sollten ihn nur die Heldentaten des Revolutionärs erfreuen. Ein Weihnachtsmann war dagegen ein reaktionäres Schreckgespenst, keiner Erwähnung wert – und einer Lüge erst recht nicht. Lang ist es her; heute geht es weniger ideologisch zu. Was die kleinere Lüge gewesen wäre, hat die Geschichte entschieden. Mao ist out, das Treiben des emsigen Weihnachtsmannes mit seinem treuen Rentier bringt Kinderaugen immer noch zum Glänzen. Soll man ihnen die fiebrige Erwartung zerstören und erklären, dass die Geschenke aus dem Kaufhaus kommen? Nein, es lebe der Weihnachtsmann. Welches Kind ihm nicht begegnen darf, hat was verpasst. Es ist egal, ob er bei einer Familie jemals persönlich zur Bescherung erscheint. Der Mann mit Bart bleibt dennoch die Figur, an der sich in den Kinderzimmern und Kitas die Phantasie und die Vorfreude entzündet, die Stoff liefert für viele Zeichnungen und viele Fragen. Der Weihnachtsmann gehört zur Entdeckung der Welt. Er macht die Kinder neugierig auf all das Unbekannte, das das Leben noch für sie bereit hält. Ist jemals bekannt geworden, dass Kinder später wütend über ihre Eltern herzogen, weil sie belogen wurden? Irgendwann wissen die größer gewordenen Kleinen es von ganz allein. Dann verabschiedet sich der Weihnachtsmann ganz still. Bis dahin aber hat sein Zauber die Kinderwelt geheimnisvoll gemacht.

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