Berlin : Kurzmeldungen

Die Dietrich als Hörspiel-Star: 1953 sprach sie in „Time for Love“ auf CBS die Hauptrolle. Die Aufnahmen der Serie aus dem Berliner Nachlass sind jetzt auf CD erschienen Radio Marlene

Andreas Conrad

Parole? „Phönix.“ Herr Müller hatte seine Probe bestanden, aber sollte sie ihm wirklich trauen? Er werde sie zu Jan Stepanek führen, ihrem Freund aus der Zeit im Untergrund, nun in Ost-Berlin in die Fänge der Kommunisten geraten und vom Tode bedroht. Ein Mann, der sich als Bruder des jungen Tschechen ausgab, hatte ihr dies berichtet, im Zug von Paris nach Berlin, ihr auch Unterlagen in die Hand gedrückt, gegen die sie Jan austausche könne. Kurz darauf war der Mann erschossen worden. Wer er wirklich gewesen war, vermochte Diane LaVolta, singende Weltenbummlerin mit einem Faible für Abenteuer, nicht zu sagen. Nur eines wusste sie genau: Ihr Jan hatte gar keinen Bruder.

Das knapp halbstündige Hörspiel „Train to Berlin“, in den Fünfzigern auf dem US-Sender CBS in der erfolgreichen Hörspielreihe „Time for Love“ erschienen und jetzt mit drei weiteren Folgen als Hörbuch-CD erhältlich, trägt deutliche Züge von Kolportage. Eine wilde Geschichte aus dem Berlin des Kalten Krieges, mit Agenten, Geheimakten, einem konspirativen Ausflug in den Osten über die Kanalisation und zuletzt sogar Kugeln, die der Sängerin und ihrem Begleiter, dem Schriftsteller Michael Victor, bei der Flucht zum Flughafen um die Ohren pfeifen. Eine teils spannende, teils ungewollt komische Kuriosität der amerikanischen Rundfunkgeschichte, vor dem Hintergrund der ebenso schemenhaften wie abenteuerlichen Frontstadt. Nur wenige dürften sich hierzulande dafür interessieren – hätte nicht eine berühmte Berlinerin mitgewirkt: Marlene Dietrich.

Der Nachlass der Schauspielerin und Sängerin birgt auch neun Jahre, nachdem er an das Land Berlin und die Stiftung Deutsche Kinemathek überging, manchen zwar nicht unbekannten, doch ungehobenen Schatz. In diesem Fall aus einem Abschnitt in der Biografie Marlene Dietrichs, der in der Literatur bislang wenig Beachtung gefunden hat: die Diva als Hörspielstar.

Sicher wäre ihr, als Anfang der 50er Jahre die Filmkarriere stagnierte und „Rancho Notorius“ mit Regisseur Fritz Lang an den Kinokassen gefloppt war, auch das Fernsehen als Ausweg geblieben. Aber dass sie jedermann sehen könne, ohne dafür zu bezahlen, ging der Dietrich wider den Strich. Radio schien passender, und so bat sie ihren Freund Murray Burnett, für sie eine Hörspielreihe zu entwickeln. Von Burnett stammte das – nie aufgeführte – Stück „Everybody comes to Rick’s“, aus dem das Drehbuch zu „Casablanca“ entwickelt wurde. Auch in der ersten Hörspielreihe, die Dietrich und Burnett produzierten und die im Januar 1952 auf ABC Premiere hatte, stiftete ein Café den Titel: „Café Istanbul“. Großer Erfolg war der Serie nicht beschieden, alles wäre nur eine marginale Episode im Leben der Dietrich geblieben, hätte nicht die Kosmetikfirma Jergen’s sich für die Hörspiele interessiert und als Sponsor angedient. Vom neuen Geldgeber ermuntert, änderten Murray und Dietrich das Konzept leicht ab: Aus „Café Istanbul“ wurde „Time for Love“.

Das war auch der Titel des Songs, mit dem Marlene Dietrich Woche für Woche die halbstündige Sendung eröffnete. Sie spricht darin die Sängerin Diane LaVolta, die auf ihren Tourneen kreuz und quer über den Erdball reist, begleitet vom treuen Victor. Besonders exotische Orte, jedenfalls aus Sicht der US-Hörer, mussten es sein: Rio de Janeiro, Cap Ferrat oder eben Berlin. Geschrieben wurden die Texte von Burnett und dem deutschen Emigranten Max Colpe. Marlene Dietrich überarbeitete gelegentlich die Manuskripte, überwachte die Produktion, sprach die Rolle der Diane LaVolta – und sang, wie auch in „Train to Berlin“: „Unter der Laterne, vor dem großen Tor“.

Im Januar 1953 startete „Time for Love“ auf CBS, erwies sich bald als Publikumsrenner und wurde im Sommer verlängert. Im Herbst 1953 allerdings bekam Marlene Dietrich ein Angebot aus Las Vegas, im Dezember trat sie erstmals im Hotel „Sahara“ auf. Eine neue Chance als Bühnenstar hatte sich ergeben, die Radioarbeit war nicht länger nötig und parallel ohnehin nicht zu schaffen. Am 27. Mai 1954 lief die letzte Sendung: „You’re dead“.

In der Marlene Dietrich Collection fanden sich auch einige Kartons mit Schallplatten der Hörspielreihe. Das war zwar bekannt, doch fehlten wohl Geld und Gelegenheit, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Vorjahr aber stieß der Berliner Journalist Christian Blees bei Recherchen auf die Kisten und vermittelte einen Kontakt zum SFB. Die Vinylplatten wurden gereinigt und digitalisiert, sieben Folgen konnte man in diesem Jahr bereits auf „Radio Kultur“ hören. Vier liegen nun erstmals als Doppel-CD vor, in der Hörbuch-Edition „Parlando“ von Christian Brückner. Wie sagte Ernest Hemingway: „Wenn sie nichts weiter hätte als ihre Stimme – es genügte, um dein Herz zu brechen.“

Marlene Dietrich, „Time for Love“, vier amerikanische Hörspiele mit deutschen Zwischentexten, Edition Parlando, Doppel-CD 24,90 Euro.

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