Berlin : Kurzmeldungen

Ende der 70er brach das Saturday Night Fever aus. In einem Frankfurter Edelclub stieg die Fieberkurve am höchsten. Nun zieht das legendäre Dorian Gray nach Berlin Die unsterbliche Disco

Christine-Felice Röhrs

USA. 1977. John Travolta tanzt in „Saturday Night Fever“. Es ist eine Kulturrevolution, es ist die Geburt des Disco-Glamours. 1978 erreicht er Deutschland. Zwei junge Männer sehen ihre Chance und eröffnen das Dorian Gray, eine Discothek, so prächtig, dass auch Travolta sie liebt. Und sie kommen alle: Roger Moore, Nastassja Kinski, Carlos Santana, sie kommen, und sie tanzen in Schlaghosen und Glitzertops, mit Sonnenbrillen und mächtigen Dauerwellen.

Als das Dorian Gray an einem Dezemberabend 1978 eröffnet, sendet die ARD direkt nach der Tagesschau einen Bericht. Auf den Bildern sieht man zwei Jungs mit Koteletten – die Betreiber Gerd Schüler und Michael Presinger – und 2500 Gäste, die sich in einer riesigen Katakombe unter dem Frankfurter Flughafen drängeln. Der Reporter schaut aufs Getümmel, auf Marmorböden und Ledersofas, auf das gesamte, damals brandneue Konzept der Edel-Disko – und verkündet, dies werde die „größte Pleite Frankfurts“.

Als das Dorian Gray 22 Jahre später, im Dezember 2000, schließt, weil die Betreiber nicht fünf Millionen Mark für neue Brandschutzvorrichtungen investieren wollen, beweinen seine Fans den Tod der „Mutter aller Großraumdiscos“. Das Gray ist zur Legende geworden, im Gedächtnis seiner Fans bleibt es jung und schön wie sein Namensgeber, Oscar Wildes Romanfigur. Und weil der Mythos immer noch nicht tot ist, bekommt er Ende Januar eine neue Chance. Dann macht das Dorian Gray in Berlin wieder auf – im „Blu“ am Marlene-Dietrich-Platz.

Anruf in Frankfurt. Hier ist die Firmenzentrale von Schüler und Presinger Gastronomie GmbH. Den Jungunternehmern von damals gehören heute mehr als 30 Szeneläden deutschlandweit. „Aus dem Dorian Gray machen wir einen gepflegten Nightspot“, sagt Gerd Schüler. Die Berliner Clubkultur sei ja „äußerst witzig“, aber bei „Global Playern“ rufe sie schon manchmal Befremden hervor, in ihrer improvisierten Schraddeligkeit. „Wir glauben“, sagt Gerd Schüler, „dass in der Soziologie der Stadt die Karten jetzt noch einmal ganz neu gemischt werden. Das ist eine tolle Chance für uns.“

Schick also soll es werden, das neue Gray, soll anknüpfen an die erste glamouröse Dekade. Die Türsteher werden streng sein, „sie schauen, wer zu uns passt“, sagt Gerd Schüler, und dann noch, dass Schlipse kein Hindernis sein werden. Dass jetzt ziemlich viele Fans des Gray aus dessen zweitem Leben, dem als bekannteste Techno-Disco der Republik, aufkreischen dürften, das kümmert Schüler nicht. „Techno ist out“, sagt er. „Wir werden Mainstream spielen, neu abgemischte Klassiker, das ist der Zeitgeist.“

Noch sind die Bauarbeiter drin, im ehemaligen Blu, um dem Zeitgeist eine Gestalt zu geben. Schüler und Presinger haben den ganzen Laden erst einmal schwarz streichen lassen. Jetzt kommen die Farbtupfer. Mehr Wärme soll die dreistöckige Disco ausstrahlen, die bisher von zu viel Metall dominiert sei, sagt Gerd Schüler. Tiefe Sessel, eine VIP-Lounge, Kronleuchter. Eine Million Euro stecken die neuen Pächter ins Flaggschiff ihrer Gesellschaft. Für sie ist dies der Höhepunkt ihres Schaffens, sagen sie.

Ideen und unternehmerisches Talent sind also da, wenn die Legende nach Berlin kommt. Und wie ist es mit dem Publikum? Das Original war damals erfolgreich, weil es mitten in ein Lebensgefühl gestartet ist. Aber Exklusivität und Exzess im Berlin des Jahres 2003? In einer Stadt, in der schick ausgehen noch nie so recht funktioniert hat? In einer Stadt, in der viele schon den Jahresbeginn eher privat und spontan, denn öffentlich und glamourös begangen haben?

Von Donnerstag bis Sonntag soll das neue Gray offen sein. Wie hoch die Preise sein werden für Eintritt und Getränke, das ist noch nicht klar. Im alten Gray, sagen Kenner, waren sie „hart an der Schmerzgrenze“.

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