Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

Molotow Cocktail,

Oranienstraße 189, Kreuzberg, Telefonnummer 69 56 91 30, täglich geöffnet ab 16 Uhr Restaurant

Kreuzberg gibt sich gern unheimlich. „Würgeengel“, „Dos Piranhas“, ein ominöses „No. 52“ und jetzt noch „Molotow Cocktail“. Die Namen der Cocktailbars klingen wie Stationen einer Geisterbahn. Das kürzlich eröffnete „Molotow Cocktail“ wirbt obendrein mit einem schwarz eingekleideten Mann, dessen Kopf in einer Hasskappe steckt. Dazu trägt der Vermummte eine altdeutsch geblümte Krawatte.

Das „Molotow Cocktail“ befindet sich gleich neben dem Heinrichplatz, einem der hot spots der alljährlichen Brand- und Steinschlagspektakel des 1. Mai. Der Standort zeugt von einer gewissen Risikofreude – bei der nächsten Randale ist eine Schlagzeile wie „Molotow Cocktail flog ins Molotow Cocktail“ nicht gänzlich auszuschließen. Vielleicht vertrauen die Betreiber auf stählerne Rollladen. Oder auf die Magie der undurchdringlichen Apparatschik-Miene des Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin alias „Molotow“, zu deutsch: Hammer. Stalins Außenminister blickt großformatig in den Schankraum hinein. In der Getränkekarte wird ein hehres Ziel verkündet: „Unsere Bar will mit ihrem Namen einen Strang der Tradition Kreuzbergs aufnehmen, indem sie zu einer Umdeutung dieses Begriffs beiträgt“. Dies sei „unser Beitrag zur Joschkaisierung unseres Kiezes.“ Das Interieur der Bar würde allerdings gut nach Mitte passen. Tiefrote Wände, Tütenlampen, grüngepolsterte Bänke, minimalistische Holztische. Gedämpftes Licht, Club-Culture-Sound. Das Publikum war beim Besuch des drinking couple erstaunlich jung.

What about the drinks, Molotow? Natürlich reizt hier der Genuss einschlägiger Kommunistenkonzentrate wie KGB, Molotow Cocktail und Russian Lover (Wodka, Triple Sec, Lime Juice, Ananassaft, Zitrone), für den sich der drinking man entschied. Ein wuchtig-leckeres Getränk mit einem Brocken Ananas. Dem Gin Tai mangelte es an Mandel-Tanqueray-Drive. Die compañera widmete sich Sex on the Beach und beklagte übertriebene Süße. Mit dem üppigen Coconut Kiss (Kokosmilch, Ananassaft, Orangensaft) war dann ultimative Sättigung erreicht.

So könnte die Joschkaisierung funktionieren: Am 1. Mai werden Anarchisten, Maoisten, Trotzkisten und türkische Halbstarke gegen Mittag ins Molotow gebeten, zu schweren, süßen Gratis-Cocktails. Die Kosten übernimmt der Innensenator. Am Abend wäre die Oranienstraße wie leer gefegt. Prima Deeskalation, oder?

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