Berlin : Kurzmeldungen

Deike Diening

TORTENSCHLACHT

Zoo-Terrassen, im Bahnhof Zoologischer Garten

Hier geht man nicht hin, hierher wird man verschlagen. Weil der Zug nicht kommt. Oder der Abholer nicht. Und so sitzen hier die Totschläger der Zeit mit den Accessoires der Reise, den Trolleys, den Taschen, den Handys und den Schlepptops in einem Ambiente aus braun, grün und schlamm. Ab und an rollen Kofferrollen laut über den braunen Fliesenboden. Viele gönnen sich nur ein einzelnes Getränk als Legitimation und trinken in kleinen Schlucken.

Die Zoo-Terrassen, die wie eine Zierleiste am Bahnhof hängen, öffnen ihre Panoramafenster auf den Busbahnhof. Von innen ist das viel netter als von außen, denn hier sitzt man wie in einer Vitrine der dieselnden Stadt enthoben. Und in der Vitrine hinten stehen tatsächlich diverse Torten und warmes Essen gibt es auch. Die Leute hängen ihre Mäntel an die geschwungenen Rattangarderobenständer und auf den Fliesen knirscht der Streukies. Streukies aus Magdeburg, Frankfurt, Leipzig, Paris, wer weiß? Das, was sich von einer Reise materialisiert, hängt am Ende zwischen den Schuhprofilen.

Im Polster der Sitzgruppe ist ein Riss, zweimannbreit. Voll ist der Laden trotzdem, kaum ein Platz zu kriegen um diese Zeit, denn wer nur kurz Atem schöpfen will, formuliert keine Ansprüche. Der Kellner steht so breitbeinig vor dem Tisch, als wolle er die Bestellung mit dem Lasso fangen: Käsetorte, Milchkaffee, eine Schokolade und „Fresh & Fun“ – ein Joghurt-Eis mit Kombucha-Extrakt auf Joghurt mit frischen Früchten. Haut jetzt keinen um, ist aber schon in Ordnung. Abwesend sind die Menschen, noch da wo sie herkommen, oder schon da, wo sie hingehen oder ganz woanders. Nicht die selige Entspannung eines Kaffeehausbesuchs, sondern die Erschöpfung einer Reise, mindestens von Aachen bis Berlin, steht allen im Gesicht. Sie hängt so mächtig im Raum wie die Nikotinschwaden. „Mitropa, seit 1916“ steht auf der Serviette. Gelüftet haben sie seitdem nicht mehr. Laptopbenutzer halten sich lange an großen Apfelschorlen fest. Manche behalten ihre Mäntel gleich an. Im Kabuff nebenan findet eine Veranstaltung mit Overheadprojektor statt. An der Wand hängen verblichene, hochformatige Plakate von Zügen, die sind schön und mindestens 30 Jahre alt.

Das Modernste an den Zoo-Terrassen ist das Kassensystem mit dem Flachbildschirm und der Rechnung auf Thermopapier. Wir gehen die Außentreppe herunter zum Busbahnhof – eine beleuchtete Showtreppe, die kaum einer benutzt und an der nie einer guckt. Wir fühlen uns wie nach einer sehr, sehr langen Reise und riechen wie zwei Aschenbecher.

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