Berlin : Kurzmeldungen

Frederik Hanssen

CONTRA

Nerzstola, bodenlanges Schwarzes, Erbschmuck im tiefen Dekolleté. So stellt sich Otto Opernverächter die Berliner Musiktheater-Besucherin vor. Nur: Wann haben Sie zuletzt in unseren drei Opern so eine Dame gesehen? Na also. Berlin hat weder das alteingesessene Großbürgertum Hamburgs, noch ein von Millionären besiedeltes Umland wie Stuttgart, und erst recht nicht so viele Kulturtouristen wie Dresden oder Wien. Wer in Berlin in die Opern geht, liebt das Genre wirklich – nicht nur seinen gesellschaftlichen Glanz. Hier sind die Fans unter sich, Seniorinnen und Studenten, sinnenfreudige Akademiker und schwule Diven-Verehrer. Alles Leute, denen die viele Knete normalerweise nicht gerade aus der Tasche quillt. Sicher lässt sich bei den teuersten Tickets für die Zielgruppe „ehemalige Manager der Bankgesellschaft“ noch an der Preisschraube drehen, der Großteil der Opernkarten aber muss in einer Großstadt wie Berlin weiter erschwinglich bleiben. Weil die Menschen gerade hier ein Recht darauf haben, ein paar Stunden aus dem oft hektischen Alltag auszusteigen, sich entführen zu lassen: in eine Welt der Langsamkeit, die sich mit ihren ausufernden Geschichten und überströmenden Gefühlen so wohltuend der Ruckzuck-Ästhetik unserer heutigen Mediengesellschaft widersetzt. In der Oper lernt jeder, der sich darauf einlässt, intensiver hinzuhören, genauer hinzusehen und sensibler mit seinen Gefühlen umzugehen. Diese Fortbildungsmaßnahme sollte sich in Berlin auch in Zukunft jeder leisten können.

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