Berlin : Kurzmeldungen

Brigitte Grunert

Der Direktor der Urania war beeindruckt von dem Vortrag, den Thilo Sarrazin dort neulich zur Finanzpolitik hielt. Jedenfalls schwärmte Ulrich Bleyer ein paar Tage später im Gespräch mit SPD-Fraktionschef Michael Müller von der „schönen Veranstaltung“, gut besucht, spannendes Thema, lebhafte Diskussion und so weiter. Müller reagierte eingedenk der Sparnöte mit Selbstironie: „Wunderbar, aber das Beste ist, dass die Leute zum Anhören harter Einschnitte auch noch Eintrittsgeld bezahlen. Das würde Sarrazin bei der SPD nicht passieren.“

Es soll sehr nett gewesen sein beim traditionellen Brandenburg-Abend auf der Grünen Woche. Ministerpräsident Matthias Platzeck war gleich mit mehreren seiner Minister zur Stelle. Nur der Berliner Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch hätte das Stelldichein beinahe versäumt. Er hatte seine Einladungskarte vergessen. Nun stand er vor der Sicherheitsschranke und wurde nicht eingelassen. Bis der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter kam und sich bei den Wächtern für den leibhaftigen Staatssekretär verbürgte. „Ich bin eben noch nicht so bekannt“, meinte Strauch. Darauf Benneter trocken: „Musste dich eben bekannt machen.“

Zehn Jahre sind genug, sagte sich Wolfgang Wieland (54). So lange war er Fraktionschef der Grünen, wenngleich mit Unterbrechungen, und letztes Jahr kurze Zeit Justizsenator. Er dankte also ab; sein Stellvertreter Volker Ratzmann führt nun mit Sibyll-Anka Klotz die Fraktion. Die Grünen zerbrachen sich nur den Kopf, wie sie einen halben Abschied würdigen sollten, da er ja Abgeordneter bleibt. Da fiel alten Hasen ein, dass der junge Wieland Maoist war und immer mit der kleinen roten Mao-Bibel herumlief und fleißig aus den „Worten des großen Vorsitzenden“ zitierte. Ungefähr 30 Jahre ist das her. Sie bastelten also eine kleine rote „Wieland-Bibel“ und erklärten ihn damit zum „großen Vorsitzenden“. Ob er sich selbst aus seinen Interviews und Reden zitiert, bleibt abzuwarten. Aus seiner Jugend kennt er die Brüder Wolf. Mit dem PDS-Parlamentskollegen Udo, dem Bruder von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) wohnte er einst in einer WG. Rein politisch haben sich die Wege getrennt. Udo Wolf ist stellvertretender PDS-Chef.

Seit einem Jahr besteht der rot-rote Senat, vor einem Jahr rückte Martin Lindner (FDP) zum Fraktionschef auf. Der Anwalt trat die Nachfolge von Günter Rexrodt an, der lieber sein Mandat im Bundestag wahrnehmen wollte. Martin Lindner betrat im Parlament überhaupt Neuland. Bis auf den FDP-Ortsvorsitz in Dahlem hatte er nie eine politische Funktion. Aber der Senkrechtstarter beißt sehr schwungvoll zu, verbal. Verändert habe er sich nicht, sagt er. Nur die Brille ist neu: „Bei der alten sah man bloß den dicken Rand, aber ich finde, Politikern muss man in die Augen sehen können.“

Klaus Böger ist doch durch und durch Pädagoge. Bei der Presseschau in der Morgenlage mit seinen engsten Mitarbeitern fiel dem Schulsenator dieser Tage spontan die knurrende Mahnung zur Literaturpflege ein. Alles blickte Böger irritiert an. Da nannte er ihnen seine Lieblingsbücher mit Berlin-Bezug, die sie bitte sehr zu lesen hätten, um mehr über die Stadt zu lernen. Zum Beispiel bei Theodor Fontane, Alfred Kerr, Günter de Bruyn und Heinz Knobloch, der ein bewegendes Buch über Moses Mendelssohn geschrieben hat. Brigitte Grunert

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben