Berlin : Kurzmeldungen

Holger Wild

CONTRA

Nichts gegen ein Lächeln. Nichts gegen Höflichkeit und Rücksichtnahme im alltäglichen Umgang – wie sollte man dagegen auch etwas haben? Und zugegeben: Der Berliner Tonfall klingt nicht immer liebenswürdig. Er ist darum nicht minder liebenswert. Die Berliner Herzlichkeit zeigt sich nur anders als in galanter Rede – und wird deshalb manchmal verkannt. Die Klagen über die Barschheit, Ruppigkeit oder Grobheit der Einheimischen werden nicht zufällig von diesen selbst kaum erhoben. Sondern von Neubürgern oder Touristen, deren Ohren nicht von Kindheit an die Direktheit der hiesigen Rede gewohnt sind, die Respektlosigkeit und den Witz – mit dem sich Empfindsamkeit schützt. Denn es ist ja nicht so, als lebten hier überwiegend gefühllose Grobiane. Es sind einfach Großstadtbewohner, die sich täglich mit einer Unzahl anderer Menschen konfrontiert sehen und sich Umschweife schon zeitlich nicht leisten können.

Schnell, direkt, auf den Punkt, so geht die Rede auch in New York, Paris, Wien, Rom…, natürlich schwingt da dann auch der Wunsch mit, den anderen verbal auf Distanz zu halten. Aus Vorsicht. Wenn Großstädter sprechen, machen sie klare Ansagen. Ist das schlechter als höfliche Floskeln? Wie gesagt: Nichts gegen ein Lächeln. Wer aber den Berliner beibringen will, anders zu reden, als ihnen der Schnabel gewachsen ist, der muss scheitern. Im Übrigen: Ist nicht gerade ihre unverstellte Art ein Zug, den man schätzen kann? Offene Worte und Mutterwitz: auch das ist liebenswert.

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