Berlin : Kurzmeldungen

Wird Berlin eine Karneval-Metropole? Eine Ethnologin hat die beiden Anläufe von 1950 und heute untersucht – verzichtet aber auf eine Prognose Narren im Diskurs

Bernd Matthies

Noch ist nicht einmal sicher, ob es den Berliner Karneval überhaupt gibt – und doch ist er schon Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Betrachtung. Die Marburger Ethnologin Franziska Becker hat sich jetzt Gedanken darüber gemacht, wie die „Karnevalisierung“ in Berlin funktioniert, wie also karnevalistische Traditionen erfunden und in der jeweiligen Situation ausgestaltet wurden. Da der Berliner bekanntlich nicht von sich aus zu periodischen Frohsinnsausbrüchen neigt, muss etwas anderes dahinter stecken, und das findet die Forscherin in Zeiten des gesellschaftlichen wie politischen Umbruchs.

1950 war ein solcher Umbruch, und die Organisatoren des damaligen Festzugs – voran der legendäre Kreuzberger Bürgermeister Willy Kressmann – wollten Berlin mit der Anleihe beim rheinischen Karneval ökonomisch wie psychologisch wieder auf die Beine stellen; heute würde man von einer Stadtmarketing-Kampagne sprechen. Und man wollte eigenständig sein, versuchte also, die regionaltypischen Heiterkeitsträger wie den Eckensteher Nante und verschiedene Zille-Motive karnevalistisch auszuschlachten. Das rheinische Element galt da nur als eine Art Katalysator.

Dass dieser Zug nicht lange durchhielt, liegt nach Ansicht der Forscherin nicht am viel beschworenen protestantischen – und also karnevalsfeindlichen – Erbe der Stadt. Vielmehr habe vor allem die Presse die Idee als aufgesetzt und untypisch abgelehnt und als frivoles Vergnügen der neuen Eliten kritisiert. Wissenschaftlich formuliert: Die Medien bauten einen „Authentizitätsdiskurs“ auf und „dekonstruierten“ den Aufzug als populistische Inszenierungsstrategie. Die Folge: Der Hauptsponsor, die Schultheiss- Brauerei, sprang nach dem Zug 1959 ab, und die Karnevalisten verzogen sich wieder in ihre Ortsvereine, wo sie einen spezifisch preußischen Stil militärisch exakter Heiterkeit etablierten, der den Massen an der Narrenkappe vorbei ging.

Der neue Anlauf Ende der 90er Jahre folgte zunächst einem anderen Ziel. Die Initiatoren, ehemalige Bonner, kamen zwar aus der Wirtschaft, aber von außen. Sie hatten nicht Stadtmarketing im Sinn, sondern wollten anfangs einfach das gewohnte Späßchen mitnehmen, sich ein nostalgisches Stück Heimat schaffen. Der Zug war klein, es fehlten Prominente, üppig ausstaffierte Wagen und jegliche satirische Spitzen – aber er wurde dennoch politisch interpretiert. Es ging um die Frage, meint Franziska Becker, ob „die neue politische Klasse den Stadtraum zur Inszenierung ihrer Präsenz nutzen darf“, als „Etablierungsritual der Bonner in Berlin“.

Diese Aufregung hat sich gelegt. Inzwischen scheint es, als liege die Zukunft des Berliner Karnevals vor allem darin, ein Teil des „Multikulturalismusdiskurses“ zu werden, Puzzlestück einer Stadtinszenierung mit Love Parade, Karneval der Kulturen und Christopher-Street-Day. Wer ihn tragen könnte, ist freilich noch nicht ausgemacht, denn die etablierten Karnevalisten (West) sehen sich eher als Veranstalter steif-repräsentativer Galaabende, während die im Osten gern auf Remmidemmi mit sozialarbeiterischen Akzenten setzen, „damit die Jugend von der Straße kommt“. Die Wissenschaftlerin hält sich deshalb mit jeglicher Prognose zurück. Doch eine Viertelmillion Zuschauer wie 2002 schafft sich ihre eigene Realität.

Der Text von Franziska Becker ist erschienen in den Berliner Beiträgen der Humboldt-Universität, Heft 16 „Karnevalisierung“.

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