Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

C. Itoh,

Lychener Straße 43, Prenzlauer Berg, Tel.: 46 79 66 18, täglich geöffnet ab 18 Uhr.

Prenzlauer Berg ist mainstream. Eigentlich. Doch plötzlich taucht in dem Gequirle der Studenten-Cubano-Wohnzimmerlokale ein Unikum auf. Das C. Itoh am Helmholtzplatz schimmert lindgrün, sehr dezent und streng modern. Ein seltsamer Lichtblick in der Gründerzeitkulisse. Der Neubau, in dessen Parterre sich das C. Itoh befindet, ist allerdings schmal und trotz der Großfensterfront leicht zu übersehen. Also zwei Schritte zurück und die schwere Stahltür zur gläsernen Raumkapsel aufgestemmt.

Am Endlosfenster zieht sich eine lange, grüngepolsterte Sitzbank entlang, garniert mit kleinen Hellholztischen. Die Tischplatten haben abgerundete Ecken, ähnlich dem Format von Fernsehern aus den Fünfzigern. Parallel erstreckt sich der Tresen, den ein Defilee von weißen, muschelartigen Schalenhockern schmückt. Die Tresenwand ist lindgrün, die Lichtleiste an der Decke schimmert ebenfalls grün. Die Decke selbst ist weiß, merkwürdigerweise kleben an ihr ein paar kleine rote Farbspritzer – etwa Blut?

Den Boden bedecken Bruchsteinplatten. Als einzig antisachliches Dekor darf an einer Wand ein Gustav-Klimt-Repro prunken, mit üppig-nackten Leibern in Flitterkulisse. Eine Treppe führt hinunter zu den Toiletten und einer Snackbar, an der allerdings bei Besuchen von drinking man und compañera niemand saß. Oben brachte die nette, junge waitress die Karten, in denen außer panasiatischen Speisen auch genügend Cocktails angeboten werden. Das drinking couple bekam Satah Gai, drei leckere Hühnerspießchen in Erdnusssauce, eine nicht ganz so überzeugende Tom Kha Gai-Suppe und Panka Gung, ein größeres, gebratenes Reisnudelgewirr mit Garnelen. Derart verproviantiert ließen sich die Drinks genießen: Ein guter, blutroter Singapore Sling, ein sehr leckerer Planter’s Punch, ein Sex on the Beach, ein Cosmopolitan – stopp! den fand die compañera „nicht so gelungen“. Reziprok lobte sie den als Letztes georderten, alkoholfreien red hawking (Cranberry Sirup, Grenadine, Ananassaft, Orangensaft, Limejuice) – „sehr gelungen“.

Das junge Publikum wirkte unbekümmert – der modernistische Stilbruch in der altmöbelhaften Prenzlauer-Berg-Idylle schien niemanden zu irritieren. Wahrscheinlich gehen dieselben Leute auch in die Studentenkneipen nebenan, wie es eben kommt. In diesem Kiez ist sich der Gute-Laune-mainstream seiner selbst so sicher, dass er alles schluckt. Egal. Wenn nur das C. Itoh nicht mit Stuck nachgebessert wird.

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