Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

al2, Pfalzburger Straße 83, Wilmersdorf, Tel.: 88 91 79 60, geöffnet dienstags bis samstags ab 20 Uhr.

Loblieder auf die Bars im Westteil der Stadt erklingen derzeit häufig. Es scheint sich sogar zu lohnen, wieder in einst eher unsensationelle Etablissements hineinzu- schauen – vielleicht ist jetzt alles besser als früher und in Mitte und überhaupt. Zumindest scheint die Lust an einem sonderbaren Namen auch in den tiefen Westen vorgedrungen sein. „al2“ klingt nach Chemielabor und gymnasialer Science-Fiction-Fantasie. Der in experimenteller Naturwissenschaft eher unerfahrene drinking man vermutet schüchtern, bei „al2“ könnte es sich um Aluminiumsulfat handeln. Vielleicht ist auch nur „albern-hoch-zwei“ gemeint. Von außen wirkt das Lokal jedenfalls unscheinbar.

Innen dominiert ein Wohlfühlmix. Kerzenleuchter, nackter Backstein, schwarze Lederpolstersitze, dezent stahlplattenverkleideter Tresen und als Animation für längere Nackenstarre eine Leuchtschrift an der Decke über dem Tresen. Der längere Text beginnt mit dem Satz „Er brauchte jetzt einen Drink, um dem Alltag und seiner Einsamkeit zu entfliehen“. Womit dann klar ist, wie es weitergeht – vom Frust zur Frau, vom Leiden zur Lust. Manchmal werden auch am Ende des Barschlauchs auf einer Leinwand laszive Musikvideos gezeigt, da lockert sich die Nackenstarre. Mit der Nase nach oben trinkt es sich auch weniger gut.

Die blonde berlinernde Servierdame brachte einen Scorpion (Myers’s Rum, Havana Rum, Pure White Hennessy, Mandelsirup, Zitronensaft, Orangensaft), den die compañera als „erfrischend harmlos“ empfand. Doch der Schwermatrose (Havana Rum, Myers’s Rum, Captain Morgan 73 %, Kahlua, Lime Juice, Zitronensaft, Orangensaft, Maracujanektar, brennende Limettenscheibe) rang hart mit dem drinking man und hat erst nach einiger Zeit verloren. So geschah es auch dem Mojito, der allerdings derart Rum-schwer antrat, dass auch dieser Clinch etwas länger anhielt.

Die compañera hingegen schulterte den Orange Velvet (Mandelsirup, Sahne, Orangensaft, Maracuja) recht fix und forderte zum Gehen auf. Als dann noch am Tresen ein massiges Mannsbild mit Zwirbelschnäuzer seine Frau oder Freundin knutschte, war es auch soweit. Das drinking couple verließ das al2, das früher einmal „Mey’s Cocktailbar“ und „China Club“ hieß und eigentlich damals schon so war wie jetzt. Vielleicht ist in Mitte doch noch nicht alles schlechter als im reborn west. Aber das prallvolle Glas mit Salzstangen im al2 und die vor lauter Erdnüsschen fast überlaufende Schale finden sich so schnell im Osten nicht.

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