Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

Bellman Bar, Reichenberger Straße 103, Kreuzberg, Tel.: 61 28 03 34, täglich geöffnet ab 18 Uhr

Es gibt sie noch. Die mutterleibsdunkle Kreuzbergkaschemme, mit nikotingetränkter Patina und Bröckelputz. Als sollte ein Prototyp konserviert werden, haben Fans des schwedischen Rokoko-Dichters Carl Michael Bellman ein edelranziges Lokal im tiefsten SO-36-Kiez eröffnet, in einer Gründerzeiteckhauskaserne, umgeben von grobem Kopfsteinpflaster und angepinkelten Laternen. Eine hübsch-deftige Kulisse – und die Bellman Bar ist ihr Prunkstück.

Die Wände in den zwei Räumen sind mit grobbraunem Putz gescheckt, der an den Lochrändern einem Zwei-Finger-Knibbeltest nicht standhält. Flecken und Schlieren ziehen sich hinauf und hinunter, selbst an blassgoldenen Gemälderahmen, als hätten Gäste einer früheren Epoche mit vollen Gläsern gefuchtelt. Wunderbar eingegraute, Altberliner Fensterkreuze ragen in die Höhe, wo schlammgelb gequalmter Stuck die Decken einrahmt. Deren Innenfläche ist allerdings akkurat in dunklen Farben lackiert. Auch die kleinen Holztische glänzen sauber. Das Bierkutscherdesign ist offenkundig inszeniert, naturalistisch exakt. Der Höhepunkt findet sich im Vorderraum: Ein prachtvoller Jugendstiltresen samt üppiger Tresenwand, prall gefüllt mit Flaschen. Jawohl – hier sollte man viel und lange trinken.

Eng beieinander hocken die Gäste, eine nette Servierdame bringt die Karte. Neben Cocktails und Spirituosen werden russische Speisen und solche anderer Herkunft geboten. Der drinking man und seine compañera sowie ein testwilliger aficionado mit ähnlich genussbereiter aficionada verspürten alle miteinander rasch wachsenden Durst und Hunger. Und dann ging’s los: Ein großer dampfender Teller Wareniki (russische Teigtäschchen) ward aufgetragen und es kamen noch Platten mit mariniertem Schafskäse und Oliven hinzu. Nach anfänglichem Konsum von nicht weiter erwähnenswertem Bier und spanischem Weißwein ging das double drinking couple zu den Cocktails über.

Da gab es einen wunderbaren Mojito, einen gelungenen Mai Tai, einen erstaunlich milden Singapore Sling und einen Bellman’s Pick Me Up (Brandy, Zucker, Zitrone, Champagner), der als süffig durchging. Und dann noch einen angenehmen Old Fashioned, einen Gimlet, den der aficionado trotz anderslautender Bewertung des drinking man stur als „mäßig“ qualifizierte – und einen Reinfall. Der Frozen Daiquiri wurde im Whiskyglas überreicht. Im Whiskyglas! Und mit leicht seifigem Aroma. Da nutzte auch die präzise Konsistenz nichts mehr. Der Daiquiri, liebe Bellmans, ist noch zu üben.

Ein kleiner Schönheitsfehler muss offenbar sein. Wer will denn auch „Kreuzberg perfekt“? Da ist doch wichtiger, dass der Auftritt eines Kiez-Originals den Abend abrundete. Der Mann, als dessen Name sein Spruch gilt „Käärze kaufn!“, quäkte durch das Lokal. Wir hatten ihn länger nicht gesehen. Hier bei Bellman war er richtig. Kreuzberg, wir lieben dich.

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