Berlin : Kurzmeldungen

Bettina Ritter

Sein schlechtes Gewissen meldet sich jeden Morgen. Immer dann, wenn er bis neun Uhr durchschläft. Seit fünf Wochen ist das schon so. So lange wohnt Ingolf Lück wieder in Berlin. Zu Hause, in Köln, schmeißt ihn seine dreijährige Tochter viel früher aus dem Bett. „Deshalb stelle ich mir jetzt jeden Tag den Wecker auf halb sieben und werde mich zwei Stunden an den Tisch setzen und nichts sagen“, erklärt Lück mit einem Augenzwinkern. „Um Buße zu tun, dafür, dass ich nicht dabei sein kann.“

Seit fünf Wochen ist er also wieder hier, hat sich neben seinen Vaterpflichten eine andere herausfordernde Aufgabe gestellt. Er führt zum ersten Mal Regie. Das Stück, „Traumfrau Mutter“, und hat Mittwoch Premiere. Das Thema? Die ganze Bandbreite der Gefühle, die das Muttersein mit sich bringt. Von den postnatalen Wonnen bis zu dem Zeitpunkt, „wo du zum ersten Mal denkst: Arschloch“, sagt Lück. „Wenn die Nudeln zum fünften Mal auf dem Fußboden landen und man sie immer wieder hochhebt und immer wieder sagt, lass das doch bitte oben.“

Ingolf Lück weiß, wovon er spricht. Seit drei Jahren kennt auch er solche Gedanken. Der Grund heißt Lily Chi. Mit ihr und seiner Frau lebt er in Köln. Seitdem haben sich die Gespräche mit Freunden und Bekannten verändert. „Sobald man Kinder hat, redet man nur noch darüber“, sagt Lück. „Auf einmal ist Kinderkacke ein ganz normales Thema.“

Dem gelackten Wochenshow-Anchorman, den der Schauspieler seit sechs Jahren für SAT1 gibt, nähme man solche Themen nicht ab. Dem Privatmann in weiten Jeans, mit Rucksack und quietsch-gelb-orangefarbenen Turnschuhen schon eher. Theater zu machen ist für den TV-Unterhalter ein Ausgleich, wenn auch ein eher unlukrativer. „Man verdient beim Theater nicht das, was man an zwei Drehtagen beim Fernsehen verdient. Deshalb muss man immer erklären, ja, ich mache Theater“, gesteht Lück.

Neben seiner Fernseharbeit steht er seit vergangenem Jahr als „Caveman“ in Köln auf der Bühne. Der Produzent machte ihn auf das Stück „Traumfrau Mutter“ aufmerksam. Lück war begeistert und führt jetzt zum ersten Mal Regie. Den Seitenwechsel habe er lernen müssen, sagt er. Als Schauspieler habe man während einer Produktion viel mehr Leerlauf. „Jetzt sitzen da sechs Schauspielerinnen auf der Bühne, die Kostümbildnerin, der Produzent, die Pressedame ist da, und alle warten darauf, dass ich was sage“, erklärt er. Das sei schon anstrengend. Lück sieht sich nicht als autoritären Regisseur. „Das ist eine sehr gemeinsame Geschichte. Wir wollen nicht Kunst, wir wollen nichts künstliches machen“, sagt Lück.

Das Stück kommt aus Kanada und bleibt auch in der deutschen Übersetzung authentisch. Denn: Alle sechs Schauspielerinnen sind selbst Mütter. Das mache die Arbeit sehr privat, so Lück. „Da tauscht man sich dann aus: Wo gibt’s die billigsten Windeln, oder wie läuft das mit den Kitas in Berlin.“

Solche Themen dekliniert „Traumfrau Mutter“ hoch und runter. Kein Stück für Leute, die sich entschieden hätten, nie Kinder zu bekommen. Die würden nichts von dem, was gesagt werde, verstehen. „Das ist dann ungefähr so ein Erlebnis, das ich hatte, als ich mit meinem besten Kumpel die Vagina-Monologe gesehen habe.“

In Berlin wohnt er übrigens in seiner alten Wohnung in Kreuzberg, „zweites Hinterhaus, Parterre.“ Als das Angebot für die Regiearbeit kam, habe er zunächst gedacht: Klasse, sechs Wochen weg. Das Leben als Wochenend-Vater hat er dann aber unterschätzt. „Ich hab schon sehr viel Heimweh. Meine Tochter weniger, aber ich. Die sagt, tschüss, bis gleich. Ich weiß aber, ,gleich‘, das sind sieben Nächte.“

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