Berlin : Kurzmeldungen

Als Stipendiat und Fellow der American Academy hat der US-Autor Jeffrey Eugenides hier gearbeitet. Jetzt erhielt der Wahlberliner für seinen zweiten Roman den Pulitzerpreis Von Smyrna nach Schöneberg

Andreas Conrad

„Wieder einmal, in Berlin, lebt ein Stephanides unter den Türken.“ Im brennenden Smyrna zur Zeit Atatürks hat die Familiensaga von Cal, dem griechischstämmigen Amerikaner, begonnen, im Schöneberg des Jahres 2001findet sie den vorläufigen Abschluss. In einem Stadtteil, durch dessen Straßen der Duft der Dönerstände zieht, die von den Lockrufen türkischer Gemüsehändler erfüllt sind. Also dort, wo auch Jeffrey Eugenides wohnt, der Mann, der Cal erfunden hat, als Hauptfigur und Rahmenerzähler seines Romans „Middlesex“. Ein, wie man so sagt, großer Wurf, der höchste Anerkennung fand: Für „Middlesex“ ist der Wahlberliner gestern mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden.

Nein, in seiner Schöneberger Wohnung war der 1960 geborene Eugenides gestern leider nicht zu sprechen. Die Nachricht von der Ehrung erreichte ihn in Prag. Eigentlich schade, denn in Berlin sind große Teile des Romans, seines zweiten nach dem von Sofia Coppola verfilmten Debüt „The Virgin Suicides“, geschrieben worden. Seit 1999 wohnt der Amerikaner in Berlin, anfangs für ein Jahr Stipendiat des Deutschen Akademisches Austauschdienstes. In einer DAAD-Reihe veröffentlichte er 2000 einen Band mit zwei hier entstandenen Erzählungen. Damals hatte er schon lange an „Middlesex“ gearbeitet, acht Jahre wurden es insgesamt, die letzten drei schrieb er in Berlin. Schon einige Jahre vor dem DAAD-Stipendium war er in Berlin gewesen, war nun bei seinem zweiten Aufenthalt „erstaunt, wie ruhig das Leben hier ist“. Das muss ihm gefallen haben: „Wenn ich kein Heimweh bekomme, bleibe ich vielleicht länger.“

Nach der DAAD-Zeit war Eugenides 2000/01 Fellow der American Academy. Er hatte ein Büro im Haus der Academy Am Sandwerder, wohnte aber schon damals mit Frau und Tochter in Schöneberg. Sie ist japanischstämmige Amerikanerin, auch dies eine Nähe des Autors zu seiner Romanfigur: Cal arbeitet in Berlin im Amerika-Haus und lernt in der U-Bahn eine asiatischstämmige Amerikanerin kennen und lieben. Aber damit hört die Gemeinsamkeit auf, und ohnehin spielt die Rahmenhandlung für die Familiensaga keine große Rolle.

Den Titel verdankt das Buch einem genetischen Defekt der Hauptfigur, der als Pseudo-Hermaphrodit zur Welt kommt, erst Calliope heißt und dann zu Cal wird. Der Roman – in den USA ein Bestseller, die deutsche Übersetzung soll am 17. Mai bei Rowohlt erscheinen – verbindet Familien- und Zeitgeschichte, führt von Smyrna nach Greektown, Detroit, quer durch Depression, Zweiten Weltkrieg, Rassenunruhen, Hippiezeit, bis ins 21. Jahrhundert, im Herz von Berlin.

Jeffrey Eugenides liest am 13. Mai, 20 Uhr, in der American Academy, Am Sandwerder 17-19 . Tel. 804 830. Weiteres Seite 25 .

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