Berlin : Kurzmeldungen

Amerikas Skandalrocker Marilyn Manson ist in Berlin. In der Volksbühne stellt er heute sein neues Album vor – und selbst gemalte Aquarelle Keine Angst, der spielt nur

Ariane Bemmer

Er: lang und dürr, weißes Gesicht mit schwarzen Streifen, geschlitztes Lederhöschen, auf einem Auge eine milchige Kontaktlinse, im Mund metallfarbene Zähne. Sie: rote Lippen, schwarzes Haar, weiße Haut, üppiger Busen in schwarzer Corsage, um den Schwanenhals eine Federboa geschlungen. Sollten Ihnen heute zwei Personen begegnen, die zu dieser Beschreibung passen, schreien Sie nicht, rufen Sie nicht die Polizei und rechnen Sie nicht mit der versteckten Kamera. Fragen Sie nach einem Autogramm oder erzählen Sie später jedem: Ich habe Marilyn Manson gesehen. Er ist mit Freundin Dita von Teese durch die Stadt spaziert.

Der Schock-Rocker und der Pin-up-Star sind bis Sonntag in der Berlin. Nach Paris und vor London die zweite Stadt, in der Manson seine neue Platte „The Golden Age of Grotesque“ vorstellt. Darin geht es um die 30er Jahre. Um Glamour in Hollywood und Nazi-Terror und -Zensur in Berlin. Dass es keine gewöhnliche Plattenpräsentation wird, zeigt schon der Ort: die Volksbühne. Der ausverkaufte „Evening with Marilyn Manson“ beginnt damit, dass die Gäste sich Aquarelle angucken können, die der Rocker getuscht hat. Und von denen er sagt, dass sie in den 30ern als „entartet“ gegolten hätten. Danach gibt es Musik und eine Art Gespräch.

Dass Manson was zu sagen, hat er in „Bowling for Columbine“ bewiesen. In dem Dokumentarfilm beschreibt Filmemacher Michael Moore die Waffenverliebtheit der Amerikaner. Er hat Marilyn Manson befragt, weil dessen Lieder für das Schulmassaker von Littleton verantwortlich gemacht wurden. Am 20. April 1999 erschossen zwei Schüler im US-Bundesstaat Colorado zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Zeitungen berichteten danach, dass die Amokschützen Marilyn Manson gehört hätten. Das stellte sich erstens später als falsch heraus und zweitens fragte Marilyn Manson im Film, ob man es sich mit dieser Schuldzuweisung nicht etwas einfach mache. Die kam aber vielen gerade recht. Marilyn Manson ist bei Behörden, Kirchen und Politikern unbeliebt. Immer wieder wurden Shows verboten, weil es hieß, er schlachte Tiere auf der Bühne oder treibe es mit Bandmitgliedern. In Australien wollten konservative Katholiken 1998 die Tournee verbieten, weil Marilyn Manson der Teufel sei.

Das sei doch alles Quatsch, lässt Marilyn Manson eins ums andere Mal vermelden, und, dass seine Botschaft die Rettung der Jugend vor Konsumzwang und Verlogenheit sei. Erkenne dich selbst, sei du selbst, erst dann bist du wer, predigt er in Interviews.

Ganz so, wie er es hielt. Der selbst ernannte „Antichrist Superstar“ (Albumtitel von 1996) kam als Brian Warner in Ohio zur Welt, im „Bible belt“, im konservativen Süden der USA. Als blasses Bürschchen wurde er verlacht, zog sich zurück, hörte Metal-Musik und las Horrorcomics. Die Legende will, dass sein Revoluzzergeist erwachte, als er seinen bibelstrengen Großvater im Keller bei Sexspielchen beobachtete. Aus dem blassen Bürschchen wurde erst ein Musikjournalist, dann ein Musiker, der böse Texte sang. Marilyn Manson, der Name verbindet Marilyn Monroe und den Massenmörder Charles Manson. Das Schöne und das Entsetzliche. Daraus wurde das Erfolgreiche.

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