Berlin : Kurzmeldungen

Ingo Bach

PRO

Schade um die Freude am Fahren! Dieses berauschende Gefühl, von der Geschwindigkeit in den Autositz gepresst zu werden, soll in der Spandauer Vorstadt nicht aufkommen dürfen. Bezirksamt und Senat betätigen sich wieder als Spaßbremsen! Aber von welcher Freude reden wir hier eigentlich? Als ob es jemals spaßig gewesen wäre, sich in dem Szenekiez durch enge Gassen und um scharfe Kurven zu quälen. Oder auf der Suche nach einem Parkplatz Minute um Minute Freizeit zu vergondeln. Hier ist jeder Verkehrsteilnehmer des anderen Feind: Fußgänger quetschen sich beim Bummel auf engen Bürgersteigen aneinander vorbei. Weichen sie auf die Straße aus, werden sie von Auto- und Fahrradfahrern angepöbelt. Und auf den verwinkelten Straßen kämpfen Radler und Autofahrer um jeden Millimeter Asphalt und jeden Zentimeter pro Stunde. Nun wollen der Senat und das Bezirksamt die Kampfzone rund um den Hackeschen Markt befrieden, mit Tempolimits und Straßensperrungen für Abrüstung sorgen. Gute Idee! Dann wird der Bummel durch Boutiquen und Budiken entspannter. Und wer am Einkauf wirklich schwer zu tragen oder es wirklich eilig hat, der kann auf Bahn oder Tram umsteigen. Das entkrampft auch so manchen abendlichen Zug durch die zahlreichen Kneipen. Man ist doch viel entspannter, wenn man sich noch ein zweites Bier gönnen darf. Und mal ganz ehrlich: Braucht in Berlins Innenstadt mit dem dichten Nahverkehrsnetz auch in den Nachtstunden wirklich jemand ein Auto?

CONTRA

Nichts gegen das Langsamfahren. Nichts gegen Spielstraßen und gegen strikte Tempolimits vor Schulen. Nichts ist dagegen zu sagen, dass die Tempolimits kontrolliert werden. Doch beim Schritttempo am Hackeschen Markt geht es um etwas anderes. Bei diesem Tempolimit kommt eine politische Gesinnung zum Ausdruck, die langsam manisch wird. Diese Gesinnung will Berlin unbedingt idyllisieren: Heidelberg plus Bundesregierung. Die Straße den „Flaneuren“ – ohne dass die Spaziergänger noch darauf achten müssen, wo sie sich bewegen. Fahrradfahrer sollen am Hackeschen Markt endlich tun dürfen, was sie ohnehin schon tun: die Anarchie in der City praktizieren. Und wer mit dem Auto in der Stadt unterwegs ist, soll noch mehr genervt werden, schließlich nervt er seine Umgebung ja auch. Gewiss, er darf den Hackeschen Markt passieren, doch die Radikalbremsung, die um den Markt herum angeordnet und garantiert zur Aufbesserung der Landesfinanzen genutzt werden soll, bedeutet jedem Autofahrer, dass er unerwünscht ist. Notwendig ist das nicht. Am Hackeschen Markt fahren nur Leute herum, die in die Kneipen, ins Kino oder Kabarett wollen, und das auch nur, wenn sie naiv genug sind, auf einen Parkplatz zu hoffen. Aber immerhin gehört diese Gegend zur innersten Innenstadt. Und eine Stadt dient – auch wenn die idyll-ideologisch fixierten Teile der Berliner Verwaltung das gern ausblenden – nicht bloß denen, die ihren Milchkaffee in Kurbadatmosphäre einzunehmen belieben. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Soll am Hackeschen Markt in Mitte Tempo 10 verordnet werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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