Berlin : Kurzmeldungen

Eine Kämpferin war sie stets. Doch selbst in härtesten Auseinandersetzungen genoss sie größten Respekt. Heute wird Hanna-Renate Laurien 75 Jahre alt. Scharfe Zunge, warmes Herz

Brigitte Grunert

Wenn sie ein Taxi bestellt, bekommt sie oft zu hören: Ach, die Stimme erkenne ich doch, Hanna-Granate, wir kommen. Gibt es ein schöneres Kompliment für die CDU-Politikern Hanna-Renate Laurien, als die Bestätigung, dass sie Spuren hinterlassen hat? Vor acht Jahren hat sie sich von der Tagespolitik verabschiedet. Heute wird die ehemalige Schulsenatorin, Bürgermeisterin und Parlamentspräsidentin 75.

Natürlich ist eine größere Feier fällig, aber nicht heute, nicht in der Karwoche. Sie ist gläubige Katholikin, geht frühmorgens in die Messe, der Abend gehört dem engsten Familien- und Freundeskreis. Die offizielle Ehrung findet am 4. Mai bei einem gemeinsamen Empfang von Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) und der CDU-Fraktion im Festsaal des Abgeordnetenhauses statt. Mit 42 Flaschen Sekt vom „Katholischer Deutscher Frauenbund“, dessen Vorsitzende sie ist. Das Etikett soll die Gäste daran erinnern, dass sie sich Spenden für die Sanierung des Frauen-Wohnhaus wünscht. Doch was heißt wünscht! „Lauras“ Bitten klingen nach Imperativ. Sie ist in vielen Ehrenämtern aktiv, ist die stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Gegen Vergessen, für Demokratie“, den einst Hans-Jochen Vogel (SPD) ins Leben rief. Sie engagiert sich für Ausbildungsplätze in freier Trägerschaft. Seit Jahren ist sie Aufsichtsratsvorsitzende des Ausbildungshotels am Kurfürstendamm.

Selten haben sich Politiker so konsequent aus der Tagespolitik zurückgezogen und doch so energisch weiter gewirkt. Eine Konservative ist sie, eine mit Haaren auf den Zähnen. Aber auch in den härtesten Kämpfen genoss sie größten Respekt. Das hat wohl damit zu tun, dass neben Fachkompetenz auch Mutterwitz und Warmherzigkeit zu ihren Waffen gehören. Sie hat in ihrem langen Werdegang Mut bewiesen, „Nicht Ja und nicht Amen“ gesagt, wie eines ihrer Bücher betitelt ist. In den siebziger Jahren schwamm sie in Köln als Gymnasialleiterin gegen den Strom;eine schwangere Schülerin durfte bei ihr Abitur machen, was damals noch „unbenkbar“ war. Und während Frauen ewig über Emanzipanzionsfragen diskutierten, eröffnete sie 1980 als erste Frau den Katholikentag, und zwar kämpferisch.

Frau Laurien kann ganze Säle unterhalten, von den ernstesten Lebensfragen bis zur Kunst des Spargelschälens. Sie versteht etwas von Kochen und von gutem Wein, aber letztlich hat sie sich bei der Frage „Kleid oder Buch von Jugend an für Buch entschieden. Sie ist in Danzig geboren. In Berlin absolvierte sie in den ersten Nachkriegsjahren ihr Studium. In den siebziger Jahren machte sie als Staatssekretärin und Kultusministerin in Rheinland-Pfalz von sich reden. 1981 holte Richard von Weizsäcker sie in seinen Berliner Senat. Der Berliner Witz verpasste ihr den Spitznamen Hanna-Granate, obwohl sie mit schulpolitischen Neuerungen ausdrücklich vorsichtig war. Sie mochte die Gesamtschule nicht, aber noch weniger sinnlose ideologische Schlachten. „Die Schwachen fördern, aber auch die Starken fordern“, lautete ihr Credo.

Mit den Worten „Vater geht, Mutter kommt“, wollte sie 1984 Regierende Bürgermeisterin werden, als Weizsäcker Bundespräsident wurde. Bei der CDU-Basis bekam sie viel Zuspruch; die Funktionäre nominierten Eberhard Diepgen. Als „krönenden Schlussstein“ ihrer Karriere empfang sie das Amt der Parlamentspräsidentin. Sie war die erste Frau auf diesem Stuhl, und sie durfte es in der ersten Gesamtberliner Wahlperiode ausüben, von 1990 bis 1995. Sie war es, die den Umbau des Preußischen Landtages für das Abgeordnetenhaus in die Hand nahm und sorgte für eine beeindruckende historische Ausstellung zum Einzug vor zehn Jahren. Sie hat gekonnt schlagfertigen Witz und Autorität auf einen Nenner gebracht. Zu später Stunde beendete sie unübersichtliches Gezänk im Plenum mit dem Ausruf: „Ihr habtse doch nich alle!“ Da schlug Aufregung in Gelächter um.

Zur Wahl 1995 trat „Laura“ von der politischen Bühne ab – mit einem weisen Spruch des Altvorderen Theologen und Philosophen Balthasar Gratian: „Sieh zu, dass Du keine sinkende Sonne seiest, lasse die Dinge, ehe sie Dich verlassen.“ Aber so vital, wie sie sich engagiert, kann bei Hanna-Renate Laurien von sinkender Sonne keine Rede sein.

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