Berlin : Kurzmeldungen

Markus Hesselmann

PRO

Steuern sind lästig und immer zu hoch. Das wissen wir nicht erst seit Elmar Brandts „Kanzler-Song“. Der Steuereintreiber („Taxman“) war schon zu Zeiten der Beatles der Buhmann. Mit dem Begriff Steuern verbinden wir Bürokratie, Gängelung, Geldverschwendung. Deshalb verwendet der Steuerbürger viel Energie und Kreativität darauf, dem Staat möglichst wenig zu zahlen. Dabei geben Menschen eigentlich gern – wenn sie wissen, wofür. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel bei Spendenaktionen für Menschen in Not zusammenkommt. Jetzt ist die Kirche in Not. Das Erzbistum Berlin ist so gut wie pleite. Nun könnte man lange die Schuldfrage diskutieren. Oder man kann Vorschläge für schnelle Hilfe machen. Die katholischen Unternehmer haben so einen Vorschlag gemacht. Kirchgeld soll – zunächst zusätzlich zur Kirchensteuer – den Gemeinden die Handlungsfähigkeit zurückgeben. Kirchgeld hat eine lange Tradition, und es sollte auch kein Tabu sein, dass es langfristig wieder die Kirchensteuer ersetzt. Die Gläubigen zahlen, und sie wissen wofür. Sie bekommen ein Stück Verantwortung für ihre Gemeinde zurück. Das schweißt zusammen. Zahlen wird zur Herzensangelegenheit. Das Geld wird zur Gabe. Es geht direkt an die Gemeinde und wird auch dort verwendet, statt wie eine Steuer in einem anonymen Apparat zu verschwinden. Entfremdung wird abgebaut. Sogar Karl Marx wäre begeistert. Und der Apostel Paulus erst recht: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, schrieb er im zweiten Brief an die Korinther.

CONTRA

Die Kirchen sind in finanzieller Not – da lassen sie sich von kirchennahen Unternehmern einen Sanierungsvorschlag machen, der aus den Kirchen Kinos macht: Wer rein will, soll zahlen. Es kann einen grausen bei der Erkenntnis, dass der Besuch einer Messe nichts anderes mehr wäre als die Inanspruchnahme einer Dienstleistung oder eines Unterhaltungsangebotes. Hoffentlich wird es dann auch Dauerkarten geben, Studenten- und Rentnerermäßigung und besondere Angebote für kinderreiche Familien: Die könnten auf den Kirchgang an Weihnachten verzichten, wenn der Eintritt in die Messe an diesem Tag wegen der starken Nachfrage so teuer ist wie ein Besuch im Zoo. Gewiss, die Kirchen haben immer gern genommen: für die Messe zu Ehren eines Toten ebenso wie – mindestens im Süden Europas – für das Betrachten ihrer Reichtümer: Wer in italienischen Kirchen Licht auf einem besonders schönen Marienbild haben will, muss zahlen. Reich sind die Kirchen dadurch nicht geworden – reich sind sie vor allem wegen ihres Grundbesitzes und ihrer über Jahrhunderte aufgebauten Vermögen. Wenn sie nun in Nöten sind, müssen sie an die – reichlich vorhandenen – Reserven. Wenn sie Eintrittsgeld verlangen, gehen sie den Weg in Richtung Kommerz und Quote: Wer predigt mit dem höchsten Unterhaltungswert? Wo bekommt man das meiste für sein Geld? Kirchen waren einmal offene Häuser. Dass sie es nicht mehr überall sind, ist schade genug. Der Glaube gehört nicht auf den offenen Markt. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Soll die Kirche Eintrittsgeld erheben?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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