Berlin : Kurzmeldungen

Deike Diening

TORTENSCHLACHT

Fassbender und Rausch,

Charlottenstraße 60 in Mitte, Öffnungszeiten Mo-Fr 10-20 Uhr, Sa 10-16 Uhr, Telefon: 204 58 440

Man kann es halten wie die kleinen runden Damen, die auf den sehr hohen, sehr apricotfarbenen Bänken sitzen und mit den Beinen nicht auf den Boden kommen: Sie kaufen sich ein Zellophantütchen mit zwei, drei Trüffeln ihrer Wahl. Und bestellen sich etwas zu trinken dazu. Dann knistern sie versonnen vor sich hin, ohne je den Mantel auszuziehen. Denn zuerst ist dies ein Schokoladenladen, danach erst ein Café.

Ein trockener Schokoladengeruch, herb wie die Welt, schlägt schon aus der Tür. Wie aus der Häschenschule stehen die Verkäuferinnen in ihrer orange-rot karierten Tracht über ihren Blusen mit der Lochstickerei hinter den Tresen. Aus einer Ecke schaut der größte Schokoladenosterhase der Welt. Die Häschenschule sorgt für das stetige Knistern der Zellophantüten, in denen die Trüffel und Pralinen des Schokoladenhauses auf die letzte Reise gehen. Schokolade, heißt es, mache für kurze Zeit unempfindlich gegen Schmerz. Das liegt an den Endorphinen, die zusammen mit dem Glückshormon Serotonin ausgeschüttet werden. Das weiß wohl auch der eine oder andere zu schätzen, den doch nur ein Weltschmerz plagt, und der deshalb zur Nachmittagsstunde an die hohen Tische zur Kur kommt.

Seit einiger Zeit gibt es zu der atemberaubenden Pralinentheke noch eine kleine Extratheke mit kompakten, wahnsinnig kompliziert geschichteten Torten: Da ist die Französische Trüffeltorte mit Mürbeteig und Marzipan, Schokolade und Trüffelmasse. Und die raffinierte Florentiner Torte mit Gewürzteig. Kann man direkt dort essen, an einem Holztisch. Im Hintergrund geigen Streicher einen Walzer dazu. Und die Häschenschule macht eine heiße Schokolade, für die sich jede Reise lohnt: Variationen mit echter Vollmilch- und echter Bitterschokolade.

Derweil sammeln beschlipste Menschen bis kurz vor Feierabend jede Menge Antidepressivum in die goldenen Drahtkörbe. Und bezahlen die Trüffel und Tafeln mit goldenen Kreditkarten. Andere kommen nur, um sich von den Probiertellern einen kostenfreien Endorphin-Rausch zu verschaffen. Auch wir sind längst unfassbar im Rausch. Nach 60 bis 90 Minuten, so hat man uns gewarnt, lasse deren Wirkung nach. Spätestens, wenn die Rechnung kommt.

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