Berlin : Kurzmeldungen

Ein Star und seine Fans: Für die einen verkörpert Neil Young die Sehnsucht nach Freiheit, für die anderen den Geist von Sex, Drugs and Rock’n’Roll Forever Young

Lars von Törne

Nur wenige Rockmusiker haben so treue Fans wie Neil Young. Rund 4000 pilgerten am Mittwoch ins Tempodrom, um ihr Idol solo zu hören. Auch Kartenpreise zwischen 70 und 100 Euro schreckten sie nicht ab. Sieben Fans erklären ihre Liebe zu Neil Young.

Der Cowboy: Freiheit, Natur, das ursprüngliche Leben in den Weiten Amerikas – für Patrick Hundt verkörpert Neil Young alles, wonach der 38-Jährige sich sehnt. Mit seinem Cowboy-Hut und dem Indianerschmuck um den Hals sieht der Schöneberger Verkäufer seinem Idol sogar ein wenig ähnlich. Seit 20 Jahren schwärmt er für dessen Musik. Auch als er mit dem Motorrad die USA auf der legendären Route 66 durchquerte, hatte Patrick Hundt Neil Youngs Lieder dabei. „Mir gefällt, wie er sein Leben lang echte Musik gemacht hat, ohne sich kommerziell zu verbiegen.“ Außerdem verbindet Patrick Hundt mit Songs wie „Hey Hey, my, my“ schöne Erinnerungen an seine Jugend im Ostseebad Kühlungsborn: „Das waren die Lieder, die in der Disko am Schluss gespielt wurden und bei denen man sich nahe kam.“

Die beiden Altrocker: „Entweder man liebt ihn oder hasst ihn – wir lieben ihn, und dass andere ihn hassen, dafür lieben wir ihn umso mehr“, sagt Thomas Fleischer. Der Berufsschullehrer und sein Kumpel Peter Möbius tragen identische Neil-Young-Hemden, die sie sich in den USA bestellt haben. Der graue Bart des einen und die langen Haare des anderen sind Erinnerungen an jene Jahre, als es mit Neil Young anfing. „Wir sind alte Rocker“, sagen die beiden Mittvierziger und stoßen mit ihren Bierbechern an. „Neil Young lief damals immer, wenn wir zu Biker-Treffen fuhren.“ Für die beiden Chemnitzer – wie für viele Ostdeutsche, die an diesem Abend gekommen sind – war Neil Young in den Jahren vor 1989 ein Symbol für ihre Sehnsucht nach Freiheit, sagen sie. Dessen Botschaft ist bis heute sein Lebensmotto, sagt Thomas Fleischer: „Man kann sich treu bleiben, sich nicht unterkriegen lassen, auch wenn’s manchmal nicht einfach ist.“

Die Romantikerin: Wenn Catrin Wiegel „Helpless“ hört, kriegt sie immer noch Gänsehaut. „Ich liebe den Song, seit ich ihn im Film ,Blutige Erdbeeren‘ das erste Mal hörte“, sagt die 44-jährige medizinisch-technische Assistentin. Vor allem die Balladen hört Catrin Wiegel bis heute immer wieder gerne. „Die Melodien und die brüchige Stimme rühren mich einfach an.“ Am Mittwoch hatte sie extra ihr verwaschenes Neil-Young-T- Shirt herausgekramt. Das hatte sie vor ein paar Jahren mal gekauft, als sie bis nach Konstanz gefahren war, um ihr Idol live zu erleben.

Der alte Hippie: Die Werte, die Neil Young für ihn verkörpert, hält Helmut Heimann bis heute hoch. „Die Ablehnung der strikten Leistungsgesellschaft, der Hang zu alternativen Lebensstilen, die Gegenkultur mit Sex und Drogen und Rock’n’Roll – das sind zeitlose Ideale“, sagt der 45-jährige Radiomoderator. Er freut sich, dass Neil Young sich ähnlich treu geblieben ist wie seine Fans: „Ihm tut’s weh, wenn sich die Gesellschaft ändert, und er singt auch in seinen neuen Liedern davon, dass es nicht der Weisheit letzter Schluss ist, eine Banker-Karriere zu machen und 24 Stunden am Tag Fernsehen gucken zu können.“ Auch deswegen spielt er Youngs Stücke in seinen Sendungen auf Radio Eins: „So bekommen auch die Jüngeren mit, dass ,Deutschland sucht den Superstar‘ nicht alles ist.“

Der Neueinsteiger: Bis vor kurzem war Neil Youngs Musik für den 20-jährigen Friedemann Krispin nur das, was seine Eltern immer zu Hause hörten. Er selbst konnte damit nicht viel anfangen, erzählt der junge Mann mit den langen, blonden Haaren, der gerade den Zivildienst beendet hat. Vor drei Jahren erwischte es dann auch ihn. „Es fing mit dem Gitarrespielen an“, sagt er. „Die Songs sind einfach nachzuspielen und klingen auch solo sehr gut.“ Also kramte Friedemann Krispin die Platten seiner Eltern hervor und studierte die Noten von „Harvest“ und „Decade“. Inzwischen ist Neil Young im ganzen Freundeskreis die Nummer eins, gemeinsam mit Bob Dylan.

Der Skeptiker: Thomas Schulz ist enttäuscht. „Ich hatte mehr erwartet“, sagt der 48-Jährige. Er ist Sprecher des Senders n-tv. Dafür, dass viele Zuschauer 100 Euro bezahlt hatten, sei der sparsame Auftritt Neil Youngs eine „Unverschämtheit“ gewesen, ärgert sich Schulz. „Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wann fängt der endlich an zu rocken?“ Ähnlich ging es auch anderen Fans, von denen manche ihren Unmut während des Konzerts lautstark äußerten. Schulz hat Youngs Laufbahn seit den 70ern verfolgt. „Früher konnte er die Leute mehr begeistern, da sprang der Funke über. Am Mittwoch war davon nichts zu spüren.“

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