Berlin : Kurzmeldungen

Ulrich Zawatka-Gerlach

HINTER DEN KULISSEN

Wer ist in der rot-roten Koalition der Koch und wer ist der Kellner? Auf diese heikle Frage fand sich am 1. Mai endlich eine plausible Antwort. Und zwar im „Sol y sombre“, einem Restaurant am Oranienplatz, wo sich am Tag der Arbeit die PDS-Größen der Stadt zur politischen Krawalleinschätzung zusammenfanden. Der Landes- und Fraktionschef Stefan Liebich, der Fraktions-Vize Benjamin-Immanuel Hoff und Wirtschaftssenator Harald Wolf blieben nicht lange allein. Die Sicherheitsexperten der SPD und der Grünen, Heidemarie Fischer und Volker Ratzmann wollten auch bei einem Gläschen Bier die Lage in Friedrichshain-Kreuzberg peilen. Am Ende rückte auch Innensenator Ehrhart Körting mit seinen Leibwächtern an. Und wer brachte das Bier an den gemeinsamen Tisch? Christian Gaebler, stellvertretender SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus. Ihm gehört die Kneipe – jedenfalls anteilig. Ob Gaebler ein Trinkgeld erhielt, wissen wir nicht.

Politik ist ein Langstreckenlauf mit Hindernissen. Wer kurzatmig ist, steigt schnell wieder aus, wie der ehemalige CDU-Landesvorsitzende Christoph Stölzl am eigenen Leib erfahren musste. Aber er schied mit Würde aus dem Amt und macht seitdem keineswegs einen Bogen um gesellschaftliche Ereignisse. Man sah ihn freundlich lächelnd mit Isa Gräfin von Hardenberg plaudern – bei der Festveranstaltung zu 100 Jahre Gema im Schauspielhaus. Und die Parteifreunde machen keinen Bogen um ihn. So hatte der CDU-Ortsverband Oberbaum den Ex-Landeschef vor dessen Rücktritt für den 6. Mai eingeladen, „um über die gegenwärtige Lage der Berliner CDU zu referieren“. Jetzt sieht die Parteibasis überhaupt keinen Anlass, Stölzl auszuladen. Er habe schließlich den ganzen Wirbel maßgeblich verursacht und es werde gewiss ein interessanter Abend, hieß es im Ortsverband.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller ist ein eher unauffälliger Typ. Jedenfalls sieht man es ihm nicht an, dass in dem Haus in Neu-Tempelhof, in dem er zwölf Jahre gewohnt hat, Weltgeschichte gemacht wurde. Es geschah am späten Vormittag des 2. Mai 1945: Der deutsche General Weidling betrat das Haus Schulenburgring 2, nicht weit entfernt vom Tempelhofer Flughafen. Er wurde schon erwartet – vom russischen Generaloberst Wassili I. Tschujkow, dem Chef der 8. russischen Gardearmee. Dann wurde, ohne viel Gerede, die vollständige und bedingungslose Kapitulation Berlins beurkundet. Im Hochparterre rechts. Die Stadt hatte Frieden. Für die Hausgemeinschaft am Schulenburgring war dies ab und zu Anlass, den Jahrestag der Kapitulation gemeinsam mit Folkloregruppen oder anderen Abgesandten der ehemaligen Siegermacht zu feiern. Müllers Vater wohnt immer noch in dem Haus.

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