Berlin : Kurzmeldungen

Bernd Matthies

DIE WEINE DES MONATS

In der Literflasche vermuten die wenigsten Weinfreunde den Sitz der Wahrheit. Denn was ist normalerweise drin? Wein aus zu jungen Reben, Wein aus zu schlechten Lagen, Wein, der bei der Ernte Regen abbekommen hat oder aus unbeliebten Rebsorten stammt. Dann gibt es aber auch Winzer, die mit sportlichem Ehrgeiz an die Sache herangehen und den Literwein nicht weniger sorgfältig anpacken als die Trockenbeerenauslese. Der Österreicher Gerhard Pittnauer ist einer von ihnen. Für seinen Burgenländer Rotwein nimmt er Zweigelt, Blaufränkischen und Spätburgunder - und lässt nach der Lese erst einmal zehn Prozent des Mostes ablaufen. „Saignée" heißt dieses traditionelle Konzentrationsverfahren, mit dem das Mengenverhältnis der roten Beerenhäute zum weißen Most verbessert wird. Das Ergebnis ist ein substanzieller, farbstarker, aber nicht dicker Wein, der die Zunge sanft umhüllt, die rebtypischen Aromen von roten Früchten sehr prägnant zeigt und keinen Gedanken an ein dünnes Sommerweinchen aufkommen lässt. Pittnauer zählt zu jenen Top-Winzern aus der zweiten Reihe, die typisch sind für das Programm von Rindchens Weinkontor. Der große Hamburger Händler, der seit diesem Frühjahr auch in Berlin vertreten ist (Lerschpfad 4, Charlottenburg, direkt an der Autobahnausfahrt Spandauer Damm), profiliert sich über günstige Preise; Flaschen über zehn Euro machen nur einen geringen Teil seines Programms aus. Der Burgenländer von Pittnauer kostet pro Liter 5,40 Euro - wer das zu billig findet, darf ihn als Einstiegsdroge betrachten und die sortenreinen Pittnauer-Weine kosten.

Schon im vorigen Monat war hier kurz die Rede von den drei Pfälzer Buben, die den deutschen Weinmarkt mit ihren unkonventionellen Methoden aufmischen. Carsten Peter, Thomas Hensel und Markus Schneider haben es in kurzer Zeit geschafft, zu einer Größe selbst auf dem schwierigen Berliner Weinmarkt zu werden. Gute und sorgfältig - aber ohne viel Technik - gemachte Weine zu vernünftigen Preisen, das ist eine Menge angesichts des aktuellen Booms deutscher Weine, der die Preisforderungen gerade bei den Spitzengewächsen nach oben treibt. Handelspartner der drei in Berlin ist der Weinladen Schmidt in der Katzbachstr. 21 in Kreuzberg, der noch vier Filialen hat ( www.weinladen.com ). Das große Sortiment der drei ist auch bei den vielfältigen Roten fast durchweg sehr empfehlenswert; wir haben den Riesling Kirchenstück 2002 von Markus Schneider ausgewählt, der intern als „Große 1.Wahl" deklariert wird, sich also an das Konzept des Großen Gewächses anlehnt, das Ellerstadt aber nicht betrifft. Doch das kann dem Kunden in diesem Fall egal sein: dieser trockene Wein setzt sich qualitativ durch feiner geschliffene Säure nochmals von seinem Vorgänger 2001 ab und darf als Musterbeispiel eines Pfälzer Rieslings gelten. Statur, Duft von Zitrusfrüchten und Exoten, langer Nachhall - ein animierender Wein von verführerischer Süffigkeit, der sich zu asiatischen Küchenexperimenten ebenso anbietet wie zum Spargel, wenn er denn etwas kräftiger gewürzt auf den Teller kommt. Die Flasche kostet mehr als angemessene 10,95 €.

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