Berlin : Kurzmeldungen

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PRO

Zugegeben: Es tut jedem weh, weniger Freizeit zu haben. Schüler, die Woche für Woche fünf Tage lang die Schulbank drücken, werden kaum jubeln, wenn sie jetzt auch noch am Sonnabend antreten müssen. Dabei sollten sie nicht vergessen, was sie im Gegenzug gewinnen: Was sind denn schon ein paar Stunden pro Woche, wenn man dafür ein ganzes Lebensjahr geschenkt bekommt! Denn das ist doch der Kern des Vorschlages, der jetzt zunehmend Unterstützer findet: Der Samstagsunterricht soll die Schulzeit verkürzen. Und darüber müssten sich die Schüler ebenso freuen wie ihre Eltern. Zumindest, wenn es ihnen wichtig ist, dass unsere Jugend den Anschluss an internationale Bildungsstandards nicht noch mehr verliert. Seit langem wird beklagt, dass Deutschlands Nachwuchs im Vergleich viel zu spät die Schule beendet. Während bei uns der Einstieg in Berufsausbildung oder Studium oft erst mit 20 oder 21 Jahren beginnt, haben in dem Alter manche Iren oder Franzosen schon längst ihr Zwischendiplom in der Tasche. Dazu kommt, dass viele Schüler bei einer Sechs Tage-Schulwoche den Unterricht erfahrungsgemäß wesentlich kontinuierlicher verfolgen. Ohne den sechsten Unterrichtstag hingegen verabschieden sich die meisten Schüler schon Freitags innerlich von der Schule und finden nach einem langen Fernseh-Gammel-Wochenende montags kaum in den Arbeitsrhythmus zurück. So gesehen, ist der sechste Schultag kein Opfer, sondern ein Gewinn für alle. lvt

CONTRA

Nun soll es also der Unterricht am Sonnabend richten, dass unsere Kinder bereits nach zwölf Jahren Abitur machen können. Dieser Vorschlag zeigt wieder einmal, wie konzeptlos unsere Schulpolitiker auf die Bildungsmisere reagieren. Als man vor gut einem Jahrzehnt an den Berliner Schulen die Fünf-Tage-Woche einführte, hatte man dafür gute Gründe. Der wichtigste ist, dass es der Familie einfach gut tut, wenn sie Zeit für einander hat. Dies ist umso wichtiger, als schon von vielen Eltern in dieser Zeit immer größere Flexibilität bei den Arbeitszeiten verlang wird und das zweitägige Wochenende schon längst nicht mehr für alle die Regel ist. Da wollen wir es wenigstens unseren Kindern gönnen. Der Rückgriff in die Mottenkiste ist nur damit zu erklären, dass man in Deutschland nicht in der Lage oder besser noch willens ist, vernünftige Unterrichtszeiten zu organisieren. Was in anderen Ländern zum Standard gehört, ist hierzulande noch lange nicht möglich. Da wandelt man lieber auf längst ausgelatschten Wegen, die einen nicht wirklich ans Ziel führen, den Bildungsnotstand zu beheben. Wenn man die wöchentliche Stundenzahl für die Schüler erhöhen will, dann geht das nur über Ganztagsschulen, gegen die es immer noch ideologische Bedenken gibt. Zudem kosten sie, weil sie verschiedene Angebote wie beispielsweise eine Schulmensa erfordern. Das will niemand bezahlen. Lieber bringt man die Kinder nach einer anstrengenden Schulwoche um ihr Wochenende. sik

WAS MEINEN SIE?

Soll an Berlins Schulen wieder sonnabends unterrichtet werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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