Berlin : Kurzmeldungen

Anna Bilger

SONNTAGS UM ZEHN

Auf dem Gendarmenmarkt ist viel los. Touristen flanieren, in den Cafés tummeln sich die Frühstücksgäste. Aber es gibt auch Raum für Besinnung. Gut 25 Menschen sind zur Andacht um 10 Uhr in die Hugenottenkirche gekommen. So wird die Friedrichstadtkirche westlich des Französischen Doms genannt, weil sie 1672 von evangelisch-reformierten Franzosen, den Hugenotten, gegründet wurde. Pfarrer Loerbrok hält den Gottesdienst. Seine tiefe Stimme füllt die Kirche. Er erzählt die Schöpfungsgeschichte aus dem ersten Buch Mose. Jedes Gemeindemitglied kann auf kleinen Handzetteln die Genesis mitlesen. Der Pfarrer erklärt, dass mit der Schöpfungsgeschichte auch die jüdische Thora beginnt, und sie somit als Vorgeschichte des Volkes Israel und als der Ursprung der Menschheit verstanden werden muss. „Es geht um die Geburt des einen aus dem anderen“, so Pfarrer Loerbrok. Die naturwissenschaftliche Frage nach der Entstehung der Welt sei hier nicht angebracht. „Die Schöpfungsgeschichte will nicht naturwissenschaftlich sein. Sie ist ein Glaubensbekenntnis.“

Einige Stufen und Schritte entfernt vom deutschen Gottesdienst hört man dann doch französische Worte: sonntags um 10.30 Uhr trifft sich die communauté protestante francophone de Berlin im George-Castalis-Saal der Hugenottenkirche. Vor allem junge Menschen sind gekommen, viele stammen aus den frankophonen Ländern Afrikas. Sie gestalten den Gottesdienst gemeinsam mit ihrem Pfarrer. Ein junger Mann liest aus Kapitel 10 des Johannes-Evangeliums das Gleichnis vom guten Hirten. Die Gemeinde singt nach jedem Vers: „Je mets mon espoir dans le seigneur, je suis sûr de sa parole.“ Dann predigt Pfarrer Anschütz lebhaft über die Rolle des auserwählten israelischen Volkes. Er zitiert aus der Apostelgeschichte (Kap.15) über den Streit zwischen Paulus, der nichtjüdische Menschen bekehren und Petrus, der die jüdischen Wurzeln des Christentums bewahren wollte. Er kommt zu dem Schluss, dass es anfangs das auserwählte israelische Volk gab, aber inzwischen nur noch ein gemeinsames Volk Gottes gebe. Dass dieses gemeinsame Volk aus unterschiedlichen Kulturen besteht, beweisen nicht nur die Gemeindemitglieder. Während des ökumenischen Kirchentags lädt die Französische Kirche Berlin zum Gottesdienst auf französisch, deutsch und italienisch ein.

Der trilinguale Gottesdienst findet am 31. Mai, um 18 Uhr in der Französischen Friedrichstadtkirche statt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben