Berlin : Kurzmeldungen

Stefan Jacobs

PRO

Heute Abend gehen wir Lenin angucken. Mit ein paar Freunden, die schon lange nach Berlin kommen wollten und es nie geschafft haben. Sie waren bei Mickey Mouse in Disneyland. Sie haben auf Amélies Spuren den Montmartre erklommen. Ein paar von ihnen stammen aus dem Westen, die anderen aus der DDR. Bei „Good bye, Lenin!“ haben sie endlich nicht mehr übereinander, sondern miteinander gelacht. Und die Szene, wie Lenin am Hubschrauber über die Karl-Marx-Allee schwebte, war einfach grandios. Jetzt wollen sie den alten Revoluzzer im Original sehen. Heute Abend wandeln wir also auf der Achse des Sozialismus: Vom Haus des Lehrers am Alex über die Karl-Marx-Allee zum Lenin-Denkmal auf dem Platz der Vereinten Nationen. Danach gehen wir essen, kurz: Wir kurbeln die Wirtschaft an und haben Spaß dabei. Dank Lenin. Der hat lange genug im Wald gelegen. Wenn man ihn ohnehin aufbewahren muss, dann lieber stehend und für alle erreichbar, statt für die Archäologen-Guerilla unter Sandhaufen. Die rot-rote Koalition ist lange genug im Amt, dass selbst der CDU-Ortsverband Zehlendorf-West keine feindliche Übernahme mehr fürchten muss. Als der Neuberliner Gerhard Schröder seine Gäste im Staatsratsgebäude vor Womackas Arbeiter- und Bauern-Glaswand empfing, hat das ja auch niemand als politische Botschaft missverstanden, obwohl damals oft noch die roten Socken draußen hingen. Wir haben sie reinnehmen können – auch dank „Good bye, Lenin!“ Jetzt gebt uns eine Kultstätte zum Film!

CONTRA

Good bye, Lenin!“ ist ein wunderbares Filmchen: Nett, menschenfreundlich, romantisch, amüsant, ironisch, und alles genau so dosiert, dass vom Teenie bis zur Oma alle ihre Freude daran haben. „Good bye, Lenin!“ hat auch eine Wahrheit. Es ist die Wahrheit, dass Anstand sich lohnt. Wunderbar. „Good bye, Lenin!“ hat auch ein kleines Geheimnis. Das liegt darin, dass der Film wie alle Filme, die ein großes Publikum erreichen, mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Erinnert sich noch jemand an den Nazi-Offizier in „Casablanca“? Der wirkte so zackig wie lächerlich; die Nazis waren für „Casablanca“ nur als Hintergrundgestalten wichtig. Es ging um Liebe, Treue, Verrat, Verzicht, menschlichen Anstand. „Good bye, Lenin!“ ist genauso ein Film voller großer Gefühle, die Politik ist blasse Kulisse. Deshalb vergessen wir die Prügelaktionen gegen die Oppositionellen, die der Film auch zeigt, schnell wieder. Deshalb lachen wir über den Lenin am Hubschrauberhaken wie über den tumben Nazi-Deutschen in „Casablanca“ und über den fiebernden Hitler-Imitator, der seine Tagebuchfälschung in „Schtonk“ schreibt. Ein Denkmal aber heißt Denkmal und nicht Lachmal, damit man darüber nachdenkt, was einer bewirkt und hinterlassen hat. Lenin hat eine Art Gedankenzwangssystem hinterlassen, das viele Leute zu furchtbaren Zwecken genutzt haben. Wer will, kann in Lenins literarischem Gedankenlager nachlesen, was der Mann sich ausgedacht hat. Dafür muss man ihn nicht ansehen, schon gar nicht in Übergröße. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Soll das Lenin-Denkmal wieder aufgestellt werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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