Berlin : Kurzmeldungen

Stephan Wiehler

PRO

Als eingeborene oder alt eingesessene Berlin-Bewohner haben wir uns längst daran gewöhnt: an den Anblick von Eckenpinklern, an die Fehltritte in Hundehaufen, an abgestellte Kühlschränke am Straßenrand, an achtlos weggeworfenen Abfall, an lautstarke öffentliche Biergelage und andere Rücksichtslosigkeiten. Neu-Berliner oder Besucher, die mit solchen Zuständen weniger vertraut sind und zuweilen ihr Unbehagen darüber äußern, bekommen häufig zu hören, das sei eben so in einer richtigen Großstadt. Solche Belehrungen unterlegt der Metropolen-Berliner gerne mit der Begleitmelodie seiner libertären Lebenshaltung: Wir sind eben so frei.

Hundekot auf Gehsteigen, wilde Müllentsorgung oder Verstöße gegen Rauchverbote sind jedoch weit weniger Ausdruck freier Lebensgestaltung als unsoziale Zumutungen, die immer mehr Berlinern so sehr stinken, dass sie lieber ins grüne Umland ziehen.

Eine Stadt, die internationale Anziehungskraft für Unternehmen wie Touristen entwickeln will, kann mit diesem Schmuddel-Image kaum für sich werben.

Diejenigen, die sich tagtäglich um dieses schlechte Image verdient machen, werden ihr Verhalten allein durch gutes Zureden sicher nicht verändern. Nur wenn verantwortungslose Hundehalter, hemmungslose Pinkler und rücksichtslose Qualmer mit empfindlichen Geldbußen rechnen müssen, besteht überhaupt Aussicht auf Besserung – für die kleinen Sünder und das Erscheinungsbild der Stadt.

CONTRA

Man stelle sich das einmal vor. Da ziehen bierselige Fußballfans mit Fahne und Fahnen gen Stadion – und mittendrin tippelt der Kollege in Grün. „Einen Moment bitte, sehr verehrte Mitbürger“, würde der Beamte seine Belehrung womöglich beginnen, „ich verweise hiermit höflichst auf Paragraf 118 OWiG – Alkoholkonsum auf öffentlicher Straße ist verboten.“

So absurd diese Szene, so unrealistisch ist auch die Forderung, Bagatelldelikte künftig intensiver zu verfolgen. Es stimmt ja: Sie sind unangenehm, diese An-die-Wand-Pinkler, Anarcho-Radler und Kippen-Wegwerfer. Doch mit einer Geldstrafe wird man bei dieser Klientel alles andere erreichen als Einsichtigkeit. Auch die Staatsdiener würden sich an den Kopf fassen: Das soll die Antwort der Politiker sein auf Personalknappheit und Aktenstau? Als ob wir nichts Besseres zu tun hätten. Die Bearbeitung von Bagatellen würde unnötig Kapazität binden. Statt sich mit Nichtigkeiten aufzuhalten, muss sich die Polizei auf die Verfolgung von Vergehen konzentrieren können, die dem Gemeinwohl wirklich schaden: Steuerhinterziehung, Gewaltverbrechen, Wirtschaftskriminalität.

Viele lieben diese Stadt, gerade weil sie nicht so aufgeräumt ist. Preußen liegt zum Glück schon ein paar Tage zurück. Berlin soll sich ruhig weiter Schönheitsflecken leisten. Nur dann setzt es den Ruf als Metropole der Toleranz nicht aufs Spiel. Berlin – Hauptstadt der Kleinkrämer? Bitte nicht. Singapur ist anderswo. Annette Kögel

WAS MEINEN SIE?

Soll die Polizei kleinere Delikte schärfer ahnden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

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