Berlin : Kurzmeldungen

Deike Diening

TORTENSCHLACHT

Patisserie Lautz , Donnerstag auf dem Bauernmarkt am Wittenbergplatz, 10-18 Uhr, Samstag auf dem Ferdinandmarkt in Lichterfelde, 8-14 Uhr, Tel. 701 781 6

Torten essen ist zum Glück völlig unpolitisch. Man muss sich zum Beispiel nicht überlegen, was es bedeutet, einen Brownie der französischen Patisserie vorzuziehen. Oder umgekehrt. Wäre es anders, man müsste sich sorgen, wenn ein Patissier mit seinem fahrenden Marktstand zweimal die Woche ausrückt und die französische Variante stärkt. Seine Törtchen sind weder schwer noch voluminös, sondern klein und elegant, jedes sitzt einzeln auf einem goldenen Papprund. Leichtes Mousse. Früchte. Und das, nachdem in den letzten Jahren die Brownies und Torten immer amerikanischer, größer und reichhaltiger wurden. Kurz, es in letzter Zeit jede Menge Torten gibt, nach deren Genuss man zu verstehen glaubt, warum die Amerikaner so viel Platz in der Welt brauchen.

Wenn man hinkommt, dann stehen sie schon da und reichen mit den Armen kaum über den hohen Glastresen auf dem Marktstand, die kleinen alten Damen. Sie strecken sich gerne nach den feinen Törtchen des Patissiers, der unter die Marktverkäufer gegangen ist, ganz freiwillig, wie es heißt. Er steht da gut gelaunt mit seiner Frau. Die beiden wissen, dass ihr Angebot besonders ist. In die Hände, die sich ihnen entgegenrecken, legen sie transparente Plastikkartons. Darin schwimmen die Törtchen wie in einem Aquarium. Dringende Fälle erhalten eine Plastikgabel zum sofortigen Verzehr: Mangocreme. Dunkle Mousse. Cassiscreme. Weiße Mousse. Und Fayence – das klingt nach Porzellan, ist aber Pistazie mit Mürbeteig. Elegante Törtchen, liebevoll dekoriert mit Schokolade und Früchten. Eine Frau kauft zehn Stück auf einmal.

Es erhöht den Reiz, dass man ihn abpassen muss, den rasenden Patissier, ihm womöglich hinterherreisen. Ob er seine beiden Standpunkte in Lichterfelde und gegenüber dem KaDeWe nach demografischen Gesichtspunkten ausgewählt hat – etwa der höchsten Dichte kuchenverdächtiger alter Damen – weiß man nicht. Die Kunden sehen jedenfalls aus, als hätten sie niemals nach Brownies verlangt, sondern immer nur nach raffinierter europäischer Süße. Doch wählen hieße, sich zwischen Eleganz und Üppigkeit entscheiden zu müssen. Zwischen Isabelle Adjani und Marilyn Monroe.

Doch es versuche niemand, uns vor die unsinnige Wahl zwischen der Freundschaft zu französischen Törtchen und der Freundschaft zu amerikanischen Torten zu stellen!

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