Berlin : Kurzmeldungen

70 000 Fans feiern ihr Pokalfinale. Sie verehren den Fußballgott und ihren Verein. Eine Begegnung

André Görke

Norbert und seine Kollegen von der katholischen Blaskapelle stehen mit ihren Instrumenten am Kranzlereck. Sie wollen gerade das Lied „Sei unser Gott“ spielen, da dröhnt es einigermaßen unchristlich aus dem U-Bahnhof Kurfürstendamm: „Rot-Weiß-Rot – heut’ saufen wir uns tot.“

Am Sonnabend sind die Fußballfans in der Stadt angekommen. Zu den 200 000 Besuchern des Kirchentags kamen weitere 70 000 Menschen, die am Abend das DFB-Pokalspiel im Olympiastadion zwischen Bayern München und Kaiserslautern sahen. Mit 45 Sonderzügen waren die Gläubigen angereist, am Sonnabend kamen fünf weitere aus Kaiserslautern und fast 300 Fanbusse hinzu. Allein der FC Bayern hat für seine 20 000 Fans 180 Sonderbusse gechartert.

Das Bier fließt, die Fans singen – die Kirchentagsbesucher staunen. „Bis Freitag habe ich gedacht, wir hätten die Stadt schon gut gefüllt“, sagt Norbert von der Blaskapelle. „Aber mit den Fußballfans ist das ja alles noch schlimmer.“ Nicht, dass man ihn falsch versteht, Norbert ist auch Fußball-Fan. Er trägt eine Bayern-Fan-Mütze, „aber in der U-Bahn ist es seit heute noch viel, viel voller“. Zum Pokalfinale geht Norbert übrigens nicht. Er hat wie so viele Fans keine Karte bekommen. Gefeiert hat er nach dem Bayern-Sieg dann trotzdem.

Gemeinsamkeiten fanden die beiden Gruppen gestern nicht allzu viele – Fußballfans und Kirchentagsbesucher „gleiten aneinander vorbei“, sagt Bayern-Fan Daniel aus Cloppenburg. Die einen sitzen in Kneipen, die anderen gehen spazieren. Wenn Norbert sagt, dass „wir für einen Bayern-Fan ein Lied gespielt haben“, ist das schon viel.

Der Breitscheidplatz ist zunächst fest in der Hand der Bayern, ob im Biergarten neben dem Zoopalast oder im Beersaloon am Kranzlereck. Die Sonderzüge aus Kaiserslautern sollten am Mittag am Bahnhof Lichtenberg, weit entfernt vom Trubel in der Innenstadt ankommen, doch während der Fahrt zogen betrunkene Fans immer wieder die Notbremse. Die Züge hatten stundenlang Verspätung.

Am Brandenburger Tor sind die Pfälzer in der Überzahl. Zwischen den Kirchentagsbesuchern mit ihren gelben Schals fallen sie in ihren knallroten Trikots auf. Gemeinsamkeiten? „Höchstens den Fußballgott“, sagt FCK-Fan Marcus Neff, „den brauchen wir ja auch gegen die Bayern.“ Mit seiner Freundin ist er seit einer Woche in der Stadt, die beiden sagen: „Wenn man sich viele Kirchentagsbesucher anschaut, werden Klischees bedient.“ Was meinen sie? „Jesuslatschen und Öko-Look.“ Die Kirchentagsbesucher denken ähnlich über die Fans, die mit Jeanswesten und Woll-Schals in der Sonne stehen.

Gediegener ging es bei der Fußball-Prominenz zu: So saß am Abend vorm Finale Bayerns Aufsichtsrat Fritz Scherer auf der Terrasse der „Paris Bar“ in der Kantstraße und redete mit dem ehemaligen Profi Hansi Pflügler. Kurz nach Mitternacht war es da. Die gelben Halstücher waren längst verschwunden.

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