Berlin : Kurzmeldungen

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HINTER DEN KULISSEN

Berliner Politiker vergleichen Berlin gern mit London, Paris, New York. London dürfte bei den Mitgliedern des Ausschusses für Stadtentwicklung nicht mehr ganz so hoch im Kurs stehen. Drei Tage, erzählt Christian Gaebler (SPD), habe man dort den öffentlichen Nahverkehr studiert. Victoria Station muss einmal derart überfüllt gewesen sein, dass alle 25 Abgeordneten einen Doppeldecker bestiegen – Gaebler kannte zum Glück die richtige Richtung – und keiner kam abhanden. Dass der Moloch auch nachts keinen Abgeordneten verschluckte, dürfte den zivilen Öffnungszeiten der Pubs geschuldet sein. Spätestens um halb zwölf sei Schuss, erzählt Gaebler, und man hört Bekümmernis heraus. Man endete stets an der Hotelbar.

FDPFraktionschef Martin Lindner ist ein typischer Kopfarbeiter: präzise im Ausdruck, scharf in der Argumentation, ungeduldig bei allem, was ihm zu kompliziert erscheint – und vorzugsweise im Jackett unterwegs. Wenn so jemand vorhat, sein Haus zu entrümpeln, dann philosophiert er nicht lange über den Gebrauchswert der Dinge, wenn man sie in der Zweiten Hand anpreist, oder über die Romantik der Flohmärkte. Martin Lindner, der im Hinblick auf überflüssige Vorschriften ein nachgerade ramboesker Entrümpeler ist, warf sich also am vergangenen Sonnabend in beschmutzbare Arbeitskleidung, beschloss die Räumung seines Hauses von vielerlei nutzlosem Kleinkram und freute sich, seiner verreisten Frau eine Freude zu machen, indem er sie mit dem Ergebnis der Entrümpelung überraschte. Stunden später war Lindnersche Haus in einem Zustand, den Lindner der Berliner Verwaltung wünschen würde, das Auto der Gattin voller Krempel und der FDP-Fraktionschef auf dem Weg zum BSR-Gerümpelabladehof. Pech allerdings, dass Lindner dort um 14.30 Uhr ankam – als die Werktätigen den Recyclinghof gerade schlossen mit dem Hinweis, sie seien schon seit 7 Uhr zugange. Lindner sah sich in seiner – gelinde gesagt: BSR-skeptischen – Grundeinstellung bestätigt: Die Stadtreinigung ist für den FDP-Chef das Monopol gewordenene Gegenteil des Konkurrenzprinzips – und nahm den Hinweis entgegen, er möge Montagmorgen abermals vorsprechen. Also fuhr er nach Stunden harter Arbeit mit dem vollen Auto wieder weg – und nach kurzer Strecke wieder umzukehren: Montagmorgen – okay – aber wann genau? Um 7 Uhr? Keineswegs: Um 9 durfte er wiederkommen. Das läuft bei Lindner weniger unter kunden- als unter gewerkschaftsfreundlicher Arbeitszeit. wvb.

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