Berlin : Kurzmeldungen

Fatina Keilani

PRO

Wer schon einmal einen Tag im ICC verbracht hat, weiß, dass es darin keine Jahreszeiten gibt. Es ist eine finstere Miefbude von unüberbietbarer architektonischer Tristesse. Sentimentalität ist da wirklich fehl am Platze. Aber wem das noch nicht reicht, für den lassen wir gerne Fakten sprechen. Das ICC ist unglaublich teuer, es verschleudert massenhaft Energie, außerdem ist es asbestverseucht. Sanierungsaufwand und Betriebskosten zusammengerechnet sind wahrscheinlich teurer als ein neuer, zeitgemäßer Bau. Nicht, dass wir uns missverstehen. Wir reden nicht davon, dass morgen schon die Abrissbirne anrückt. Wir sind ja in Berlin, und hier hütet man sich davor, die Dinge zu überstürzen. Wir reden hier über später, über die großen Linien. Daumenrechnung: Wenn wir heute die Debatte in Gang bringen, dann ein paar Jahre draufrechnen, damit sich ein entsprechender Wille bilden kann, so haben wir vielleicht in fünf Jahren einen Beschluss für ein neues Kongresszentrum. Dieses muss dann finanziert und schließlich gebaut werden. Parallel müssen Asbestsanierung und Abriss des ICC vorangebracht werden. Für all das können leicht zehn Jahre vergehen, die in Berlin übliche Zeitspanne für Großplanungen aller Art. Dabei lassen wir jetzt mal außer acht, dass die Debatte seit drei Jahren immer mal wieder aufkommt. Dann schreiben wir 2013. Wollen wir im Jahr 2013 immer noch das ICC als einziges Kongresszentrum in der Stadt haben? Sicher nicht. Also sollten wir jetzt mal mit der Debatte anfangen.

CONTRA

Jajaja, alles spricht für ein neues tolles Kongresszentrum. Vor allem würde der garantiert unendlich viel teuer als die aberwitzig klingenden 140 Millionen Euro für die „Sanierung“ des Aluminium-Unikums an der Avus. Und nichts braucht Berlin so dringend wie eine schöne, jahrelang zu betreibende Großbaustelle mit Platz für viele hundert Architekten, Bauarbeiter, Ingenieure und, vor allem, Mitarbeiter der Bauaufsicht. Ganz sachlich gesehen, spricht alles für den Abriss des ICC, von der Innenausstattung bis zur Raumschiffarchitektur. Aber das sachliche Durchprüfen von allem, was in Berlin finanziell nicht stimmt, kann einem mindestens die Politik dieser Stadt verleiden; kein Wunder, dass manche Beamte darauf hinarbeiten, Berlin dem Internationalen Währungsfonds zu überantworten. Wer für diese Stadt noch etwas übrig hat außer Sorgen und Zukunftsängsten, der verlangt, dass das ICC unter Denkmalschutz gestellt wird. Das ICC steht für die gute alte Zeit von West-Berlin, für die 70er und 80er Jahre. Es steht für eine Politik, die gedanklich und emotional viel größer war als ein Haushaltplan. Es steht dafür, dass sich Berliner Politiker etwas ausdachten, um die Stadt attraktiv zu machen. Dass sie das Geld dafür, freundlich-joviale Zuversicht verbreitend, irgendwo in Bonn locker machten, dann prostend Grundsteine legten – und sich schließlich feiern ließen als optimistische Dekorateure im Schaufenster des freien Westens. Das ICC ist das letzte Ergebnis dieser Politik. Es braucht nichts anderes als eine neue Klimaanlage. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Soll das ICC abgerissen werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

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