Berlin : Kurzmeldungen

Markus Hesselmann

PRO

Die Deutschen haben keine Bastille gestürmt, keinen Gröfaz zurückgeschlagen und keinen Rütlischwur geleistet. In der ausgefransten Geschichte unserer verspäteten Nation herrscht ein chronischer Mangel an symbolischen Ereignissen und identitätsstiftenden Daten. Aber da war doch noch was. Der 17. Juni 1953 – im Osten totgeschwiegen, im Westen totgefeiert – kehrt vor seinem 50. Jubiläum ins Blickfeld zurück. Das Datum des Volksaufstandes in der DDR ist ein guter Tag, um innezuhalten und sich eines raren Moments deutscher Geschichte zu vergewissern. Das Volk setzte sich gegen Despoten zur Wehr. Ein Tag der klaren Fronten. Diese Geschichte hat eine Handlung, die sich erzählen, und eine Moral, die sich lehren lässt. Unser jetziger Nationalfeiertag, der 3. Oktober, erinnert an einen bürokratischen Vorgang, den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes. Langweiliger kriegen es nur noch die Österreicher hin: Ihr Nationalfeiertag ist der 26. Oktober. Begangen wird die Verabschiedung des Neutralitätsgesetzes von 1955.

CONTRA

Zu einem gelungenen Feiertag gehören drei Dinge: Urlaub, schönes Wetter und ein freudiger Anlass. Wer denkt schon gern an Negatives zurück? Der 17. Juni erinnert aber an etwas, das schief ging. Ob die Arbeiter in jenen Junitagen des Jahres 1953 nun mehr Lohn, mehr Freiheit oder die deutsche Einheit forderten, eins steht jedenfalls fest: Sie sind gescheitert. Ganz anders der 3. Oktober: Da ist den Deutschen wirklich etwas gelungen – zusammen, hüben wie drüben. Eine friedliche Revolution, die die Mauer und den Beton in den Köpfen bröckeln ließ. Der 3. Oktober erinnert an die gelungene Einheit, er ist sozusagen der erfolgreiche 17. Juni. Für den 3. Oktober spricht auch, dass viele von uns selbst dabei waren, als die Mauer fiel und die Einheit besiegelt wurde. Es ist ein Stück gelebter Geschichte, während der 17.Juni für die meisten ein abstraktes Datum geblieben ist. Daran können auch die ausgegrabenen Erinnerungen nicht dauerhaft etwas ändern. Einen besseren Anlass zum Feiern und gemeinsamen Erinnern als den 3.Oktober gibt es wohl kaum. Claudia Keller

WAS MEINEN SIE?

Soll der 17. Juni wieder zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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