Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

O & G, Oranienburger Straße 48/49, Mitte, Tel.: 25 76 26 28, geöffnet täglich ab 9 Uhr

Die Cocktailbar-Szene in Mitte dominieren zwei Kulturen: Da wäre der quirlige trash, kombiniert mit ironischer Treue zum Muff der DDR, und dann die kühle, fast arrogant wirkende Inszenierung von Modernität jenseits der als pubertär verachteten Ostalgie. Wie diese Kulturen sich kombinieren lassen, oder kollidieren, lässt sich vielleicht an der Geschichte des „Obst & Gemüse“ ablesen. Die Rummelbude ist tot, sie wurde ersetzt durch ein ambitiöses Kunstprodukt. Das mit den beiden Buchstaben „O & G“ auskommt, als schäme man sich für den alten, jovial klingenden Namen. Ist nun ein Stück legendäres, authentisches Mitte verloren gegangen – oder hat sich das Quartier nur gehäutet und erneuert seine Originalität?

Die großen Fenster sind geblieben. Wenn sie offen sind, scheint der Austausch zwischen der Touristen-Meile mit Tacheles und Rumpel-Tram und dem 70er-Jahre Retro-Design des O & G zu funktionieren. Auf den ersten Blick. Der zweite sagt: Drinnen ist es fast leer, die crowd zieht vorbei. Ist das „O & G“ ein Fremdkörper im Kiez?

Es wäre schade, denn das neue Lokal sieht aus wie ein nice place for elegant drinking. Eine lange Ecksitzbank in weißem, lederartigen Krokodesign, filigrane Stühle mit dünnen, zart geschwungenen dunkelhölzernen Rückenlehnen, Holz-Tischchen mit runden Ecken, lange lindgrüne, orangefarbene und hellblaue Längsstreifen an den weißen Wänden, acht Ufo-artige Leuchtkörper im seventies style, ein aufs nötigste reduzierter Tresen ohne Hocker, ein zwei Stufen höher gelegener chill-out-room mit dunkelbrauner Krokositzbank und goldenen Vorhängen, draußen dann edles Gartengestühl – warum soll man sich hier nicht wohlfühlen?

Auch die Cocktails sind gut. Der drinking man und sein good old compañero nahmen einen Mai Tai ( sehr stark, sehr aromatisch), einen wunderbar erfrischenden Wolga Boatman (Wodka, Cherry Heering, Orangensaft, Zitronensaft), einen Hurricane (leichter als der Mai Tai, deshalb auch süffiger) und einen Frozen Florida Daiquiri. Er kam im großen Wasserglas anstatt in einer Schale, schmeckte am Anfang auch ein bisschen parfümiert, wandelte sich dann aber zu einem passablen Sommerdrink. Und der Lachs-Bagel „Tel Aviv“ aus der Imbissabteilung war nicht nur lecker, sondern machte auch noch satt.

Es kann sein, dass diese Bar einfach Zeit braucht. Die Oranienburger Straße, vor allem die dem „O & G“ gegenüberliegende, schwere Ruine des Tacheles, gibt sich immer noch eher bunt-lustig-frivol als sophisticated. Da passte „Obst & Gemüse“ natürlich besser als „O & G“. Aber das muss nicht so bleiben. Cocktailfans finden ihre Refugien auch im Bierbänkegestöber.

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