Berlin : Kurzmeldungen

Markus Hesselmann

PRO

Ein Sommer Mitte der Neunziger: Geschafft. Nach einem Gewaltmarsch durchs Termindickicht der Massenuniversität ist die letzte Mündliche im zweiten Nebenfach bestanden. Der Kandidat darf sich Magister nennen. Er tritt aus dem Prüfungsraum. Große Gefühle.

Die Kommilitonen wuseln vorbei. „Bestanden? Gratuliere. Muss jetzt zur Sprechstunde vom Müller-Meier.“ Ein paar Tage später, „Nehmen Sie erst mal draußen Platz“, überreicht die Sekretärin des Prüfungsbüros die Magisterurkunde in Klarsichthülle.

So ist das an der FU der Nach-Achtundsechziger. Das wirkt besonders ernüchternd, wenn man im Auslandssemester die Sinnlichkeit einer englischen Universität erlebt hat. Viele, vor allem private Universitäten in Deutschland haben den identitätsstiftenden Wert akademischer Zeremonien inzwischen erkannt. Dort denkt bei Talaren keiner mehr an den Muff von tausend Jahren. Die Alma Mater der Revolte findet vorsichtig zu ihren Traditionen zurück. Mehr davon!

Die Gesellschaft sollte ihre Traditionen nicht verleugnen. Dazu gehört deren sinnliche Erfahrung im Ritual. Der Lyriker T.S. Eliot hat die Leere einer traditionslosen Gesellschaft im Gedicht „Das wüste Land“ beschrieben. „Der Schwund der alten Kulte hat den modernen Menschen entleert und als homo areligiosus zurückgelassen“, heißt es in einer Biographie über den Dichter. Man muss ja nicht gleich wie Eliot katholisch werden. Ein bisschen Rückbesinnung auf das, was war, und vor allem das, was gut war, tut’s auch.

CONTRA

Als John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch im Juni 1963 von der Freien Universität die Ehrendoktorwürde verliehen bekam, wurde die Laudatio nicht nur in Talar und mit Amtskette vorgetragen, sondern zudem in Latein gehalten. Zumindest dies wurde jetzt noch nicht vorgeschlagen. Es könnte für die Zuhörer die Verständlichkeit doch arg begrenzen und zeigt, wie prekär Traditionen sein können. Die Studenten von 1967 wussten schon genau, warum sie gegen die autoritäre Ordinarien-Universität protestierten, deren Wissenschaftler sich widerstandslos missbrauchen ließen von den Nationalsozialisten oder selbst eifrig mithalfen, ihre jüdischen Kollegen zu vertreiben. Unter den Talaren gibt es heute natürlich keinen Muff mehr aus 1000 Jahren – nur noch unzeitgemäße Traditionen.

Nichts gegen Feierstunden, die würdig und festlich sind, aber Talare und Amtskette braucht es dazu nicht. Sich zu besinnen auf Rituale, die inhaltsleer geworden sind, hilft den Universitäten nicht weiter. Sie wecken den Verdacht, man wende sich ins Vergangene, weil man nicht vorwärts weiß. Universitäten sind im Umbruch, sie ringen um ein neues Selbstverständnis in Lehre und Forschung, um die künftige Form des Wissenschaftsbetriebs bei leeren öffentlichen Kassen und einer rasenden Modernisierung und Technisierung der Welt. Universitäten müssen moderne Unternehmen werden, geführt von effektiven Wissenschaftsmanagern, um die Zukunft zu bestehen. Manager tragen Anzüge, keine Talare. Gerd Nowakowski

WAS MEINEN SIE?

Festakte der Universitäten wieder in Talar und Amtskette begehen?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

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