Berlin : Kurzmeldungen

Bernd Matthies

PRO

Fast immer, wenn in Deutschland ein Amokschütze wild um sich geballert hat, führt die Spur in einen Schützenverein. Entweder war der Täter selbst Mitglied, oder er hatte als Sohn oder Enkel eines Mitglieds leichten Zugang. Ganz überwiegend sind Schützen gesellige Menschen, die niemandem ein Haar krümmen. Doch ihre Vereine stellen ein Sammelbecken dar für jene Psychopathen, die wir so gern verharmlosend als „Waffennarren" bezeichnen. Wie anders wäre erklärbar, dass ein registrierter Hobbyschütze einen martialischen Kracher Kaliber 44 Magnum – wie gerade in Kreuzberg – ganz legal durch Deutschland tragen darf? Das ist auch den Sicherheitsbehörden aufgefallen, die in die Neufassung des Waffenrechts überfällige Einschränkungen aufgenommen haben. Doch ein großherziger Bestandsschutz garantiert weiterhin, dass kaum eine einmal legal erworbene Waffe eingezogen werden kann. Damit muss Schluss sein. Das Sportschützenprivileg gehört abgeschafft. Schusswaffen, mit denen Menschen getötet werden können, müssen aus dem Verkehr gezogen werden. Behaupte niemand, fröhliches Schützenhandwerk sei nur mit scharfen Waffen möglich. Luftdruckgewehre oder Pistolen mit Farbpatronen sind für jeden verfügbar, und wenn die Kunst des Tontaubenschießens in Deutschland aussterben sollte, dann soll sie das tun. Gewohnheitsverbrecher werden sich von solchen gesetzlichen Änderungen nicht beeindrucken lassen. Doch sie brauchen auch keine Schützenvereine, um sich zu bewaffnen.

CONTRA

Wenn es doch so einfach wäre! Aber das ist es nicht. Es ist nicht einmal die „bequemste Lösung“, weil eine Entwaffnung der Schützenvereine und ein Verbot jeglicher sportlicher Schießwettbewerbe eben gar keine Lösung wäre. Worüber nachzudenken sich lohnt, ist ein Verbot, die für Sport und Jagd gebrauchten Schusswaffen mit nach Hause zu nehmen und sie dort aufzubewahren. Das erschwert den Zugriff, geht aber letztlich auch am Kern des Problems vorbei. Man kann einen Menschen auch mit einem Messer umbringen. Oder mit einem Hammer, einem Hund – ja, sogar mit einem Kopfkissen. Man kann viele Menschen auch mit Bakterien töten. Oder mit Gift in der U-Bahn – ja, sogar mit einem Flugzeug. Welches Mordwerkzeug ein Killer benutzt, ist nicht ausschlaggebend, sondern das, was sich in seinem Kopf und in seinem Herzen abspielt. Den Verstand und vor allem die Seele eines solchen Menschen gilt es zu erreichen. Weder in Erfurt, noch in Coburg, noch am letzten Montag in Berlin-Kreuzberg bestand das Hauptmotiv des jeweiligen Täters – nach allem, was man weiß – im Spaß am Schießen. Schon Kain erschlug Abel nicht aus Freude am Töten. Er war vielmehr zutiefst verletzt , weil Gott seinen Bruder offensichtlich bevorzugte und mehr liebte als ihn. Man kann mit einem Gewehr den kleinen trällernden Vogel auf dem Dach zum Verstummen bringen. Man kann damit auch seiner Freundin auf dem Jahrmarkt eine Rose schießen. Entscheidend ist, was den Schützen bewegt: Hass oder Liebe. Sandra Dassler

WAS MEINEN SIE?

Sollen die Auflagen für Sportschützen verschärft werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

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