Berlin : Kurzmeldungen

Zugunsten der Denkmalpflege öffnete Johannes Rau das Schloss Bellevue für ein Wandelkonzert. Das Bundespräsidialamt feierte dabei seine Premiere als Konzerthaus Romantik im Amtsgebäude

Elisabeth Binder

Die mit gestapeltem Blechkuchen, Zweigen und Blumen gedeckten ländlichen Kaffeetafeln passen perfekt in einen Pfarrgarten. In der kühl modernen Architektur des Bundespräsidialamtes wirkten sie auf Anhieb ein wenig fremd. Bei dem Versuch der Brandenburgischen Sommerkonzerte, ein Klassik-Picknick nach feinster englischer Glyndebourne-Art zu organisieren, spielte indes auch das Wetter mit: Es regnete so britisch anhaltend, wie es nur konnte – während der schwarze Ovalbau neben dem Schloss Bellevue Schauplatz einer erstaunlichen Premiere wurde. Das Wandelkonzert durch verschiedene Salons des Schlosses begann und endete im Präsidialamt. Es könnte für diesen Bau den Beginn einer Zweitkarriere als Konzertsaal markiert haben, denn die Akustik ist erstaunlich gut. „Wie ’ne Kathedrale“, befand der Leiter des Rundfunkchors, Robin Gritton.

Seit 1785 habe es im Bellevue noch nie Eintrittsgeld gegeben, und wenn es nicht ein guter und sinnvoller Zweck wäre, gäbe es das auch nicht, sagte Rau den 500 Gästen, bevor er sich bei Rüdiger Frohn, dem Chef des Bundespräsidialamtes dafür bedankte, „dass er uns reingelassen hat“. Der ist selbst ein ideenreicher Mensch und probiert auch gegen Bedenkenträger gern etwas Neues aus.

Hinzu kommt, dass Johannes Rau nicht nur die sozialen Aufgaben seiner Frau Christina sehr sichtbar unterstützt, sondern auch selber bürgerliches Engagement für die Gesellschaft mit viel Phantasie motiviert und fördert. Wo ein konservativer Amtsträger Orden verteilt, die vor allem das Ego ihres Trägers schüren, schafft er zusätzlich Raum für Gemeinschaftserlebnisse, die man zwar nicht am Revers tragen kann, die aber bleibende Erinnerungen schaffen. Und die vor allem auch zur Nachahmung anregen.

Menschen aus Ost und West, von Stadt und Land zusammenzubringen, war von Anfang an das Ziel von Werner Martin, dem Gründer der Brandenburgischen Sommerkonzerte, selbst Pfarrerssohn, begeisterter Chorsänger und neuerdings auch Organist in einer kleinen Kirche.

Nach der Wiedervereinigung organisierte er in den Dörfern des Umlands viele musikalische Begegnungen. Gleichzeitig wurde dafür gesorgt, dass alte Kirchen restauriert und Orgeln wieder gespielt werden konnten. Das ohne öffentliche Gelder finanzierte Festival lebt vor allem von den regionalen Freundeskreisen, die viel ehrenamtliche Arbeit hineinstecken.

Etwa 100 Mitglieder gehörten zu jenen, die an diesem Tag ein extrateures Ticket zugunsten der Denkmalpflege erstanden hatten. Als Schirmherr der Stiftung Denkmalschutz freue er sich, dass die Bandenburgischen Sommerkonzerte eine alttestamentarische Weisung befolgten und mit zehn Prozent ihrer Einnahmen helfen, Kirchen und Denkmäler zu restaurieren, sagte Rau. Es wurde viel Musik aus der Zeit der Entstehung des Schlosses Bellevue gespielt, aber am Anfang gab es mit „Christus Vincit“ des schottischen Komponisten James MacMillan passend zum Bundespräsidialamt auch etwas Zeitgenössisches. Die Musiker sangen von einer Brücke, die im dritten Stock durch den Lichthof führt, auf die Gäste herab.

In vier Gruppen wandelte das Publikum dann durch verschiedene Säle im Schloss Bellevue, wo die Ensembles jeweils vier Mal das Gleiche spielten: das Akanthus Ensemble Berlin ein Klavierquartett von Prinz Louis Ferdinand von Preußen (1772 -1806) unten in der Galerie. Dort spielte auch das junge Ferenc-Fricsay-Ensemble ein von Kornelia Brandkamp temperamentvoll vorgetragenes Flötenkonzert von Friedrich dem Großen. Im Langhans-Saal im Obergeschoss ging es weiter mit dem Onslow-Ensemble und einer Komposition von Isang Yun, im Salon Luise führten Gergely Bodoky und Florence Siturk auf Flöte und Harfe Werke von Bach und Mozart auf und im Salon Ferdinand gab das Polyphonia Quintett ein Bläserquintett des Tschechen Josef Bohuslav Foerster. So mit Musik gefüllt wirkte das wegen seiner bescheidenen Ausstattung gelegentlich kritisierte Schloss gleich viel schlösslicher.

Und natürlich betrachteten die Wandelnden neugierig Bilder und Mobiliar, bewunderten später beim Gang durch den Präsidentengarten Seerosen und Sommerblumen.

Zum Abschluss spielten die Deutschen Kammer-Virtuosen im Großen Saal, in dem sonst Staatsgäste bewirtet werden, die Ouvertüre Nr. 3 D-Dur von Johann Sebastian Bach. Auch hier war die Akustik überraschend gut, und Protokollchef Martin Löer überschlug schon mal, wie viele Gäste man neben einem Orchester beim Staatsbankett noch unterbringen kann. Auch für die Mitarbeiter des Hauses war dieser Tag eine Chance, neue Formen zu testen.

Zurück im Bundespräsidialamt gab’s dann ein Drinnen-Picknick mit Erdbeerbowle, Ochsenkeule und leichter Musik des Elite-Künstler-Orchesters. Mag es den Sommerkonzerten oft gelungen sein, mit ihrer Musik „Lebensfreude in alte Baudenkmäler zu bringen“, wie Rau eingangs sagte, so zeigten sie diesmal, wie man Romantik in die Moderne bringt. Das „Guten Abend, gute Nacht“ des Chors, klang zum Abschied so lieblich abendwiesenschön durch das schwarze Oval, als sollte ausgerechnet hier im Amtsgebäude das Beste von Kathedrale und Dorfkirche vereinigt werden.

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