Berlin : Kurzmeldungen

Deike Diening

TORTENSCHLACHT

Eis,

Falckensteinstraße, Kreuzberg

Vor allem sind da die Kinder, die in großen, glucksenden Wellen an den gut zehn Meter langen Tresen gespült werden. Sie kommen aus den Parks und aus den aufgeheizten Kopfsteinpflasterstraßen. Auch aus den Grillschwaden im Görlitzer Park tauchen sie auf – ganz klar, die brauchen jetzt ein Eis. Auf die dringende Art, wie man Wasser braucht oder ein Klo.

Dann reiben sie die heißen Münzen in der Hand und nehmen das unveräußerliche Kinderrecht auf Eis wahr. Und diejenigen, die noch nicht über den Tresen gucken können, machen Klimmzüge. Stühle gibt es keine, reiner Handverkauf hier, aber dafür ein paar Zimmerpalmen auf dem Bürgersteig und jede Menge Waschbetonpoller. Auf denen sitzen nun alle vor der Häuserwand, aus der die gestreifte Markise wächst, und schlecken und kleckern zwischen den abgestellten Fahrrädern. Und die Großen kaufen nicht nur bescheidene Kugeln in Waffeln, sondern stolze Becher auf die Hand. Mit Soßen, Streuseln und Sahne.

Und dann sind da die Erwachsenen. Gegenüber auf der anderen Straßenseite sitzen zwei Herren in kurzen Hosen, mit Bäuchen und Basecap auf einem Streifen Kunstrasen vor ihrem Trödelladen. Wieder zu Kindern geworden, schieben sie sich mit ihren kräftigen Händen einen kleinen Plastiklöffel in den Mund, die muskelbepackten Armen sehen aus, als hätte die Männern allein fürs Eisessen trainiert. Denn auch sie erlagen kampflos den großartigen Sorten: Keks! Omas Apfelkuchen! Kokos-Mandel, Quark-Sesam-Honig, köstliches Meloneneis.

Auf dem Tresen stehen aufgeschnittene Früchte und eine kitschige Gipsfigur und simulieren Urlaub. An der Wand hinter den Verkäuferinnen mit den Strohhüten hängen Schwarzweiß-Bilder von den Eishelden früherer Zeiten. Die stehen in weißen Schürzen vor ihren glänzenden Gerätschaften, die es erlauben, dass man sich nicht mehr wie die römischen Kaiser das Eis von den Gletschern brechen lassen muss.

Sobald es dunkel wird und das Pflaster wärmer ist als die Luft, stellen sie Teelichte in farbigen Gläsern an die Poller auf den Gehsteig, den Kunden zu Füßen – wunderbare Aneignung öffentlichen Territoriums unter der friedlichen Flagge des Milcheises.

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