Berlin : Kurzmeldungen

Ingo Bach

PRO

Was soll daran schlecht oder gar unfair sein? Das fragt sich der Beobachter angesichts der Debatte um die geplanten entfernungsabhängigen BVG-Tarife. Die Autopendler nehmen es doch auch wie selbstverständlich hin, dass sie für die längere Strecke in die Stadt mehr Sprit verfahren und damit jeder einzelne Kilometer den Fahrpreis erhöht. Oder stöhnt der Fahrradfahrer über die Ungerechtigkeit, dass ihn jeder Strampler ein paar Kalorien mehr kostet? Oder der Taxigast, wenn das Taxameter klickert? Wie gerecht fänden wir es denn wohl, wenn beispielsweise die ersten zehn Minuten eines Telefongespräches einen relativ hohen Festpreis hätten und bei der elften Minute der Preis sofort ums Zehnfache steigt, weil die nächste Tarifzone bis zur hundertsten Minute gilt. Derjenige, der 99 Minuten telefoniert, freut sich; der, der elf Minuten braucht, ärgert sich. Und auf diese Weise funktioniert auch das jetzige BVG-Preissystem. Der Fahrgast, der am längsten (und weitesten) in der Bahn oder im Bus sitzt, zahlt relativ gesehen weniger als jemand, der sich in der Innenstadt mal eben um die Ecke fahren lässt. Die Berliner Fahrgäste haben durchaus einen Sinne fürs Faire. Das zeigt die große Nachfrage nach den Kurzstrecken-Tickets. Wer hat nicht schon auf dem Bahnsteig gestanden und nachgezählt, ob er zu seinem Ziel mehr als drei U-Bahn-Stationen oder mehr als sechs Bushaltestellen braucht und eventuell nur das Billig-Ticket braucht? Menschen sind so: Sie wollen nur für das bezahlen, was sie tatsächlich in Anspruch nehmen. Alles andere ist unfair.

CONTRA

Das ist doch das Schöne im Berliner Verkehr: Man kauft einen Fahrschein, setzt sich in den Bus oder die Bahn und fährt los. Wohlgemerkt: einen Fahrschein, für jeden Tag und jede Gelegenheit. Da steht drauf, das Ding ist zwei Stunden gültig, man kann damit hin und her und auch hin und zurück fahren. Wer schnell eingekauft hat, kann mit dem selben Ticket wieder zurück, und das ist auch gut so. Man muss nicht vorher überlegen, ich will 13,6 Kilometer zur Hauptverkehrszeit von Stadtplanquadrat A16 zum Stadtplanquadrat B12 fahren. Genau so gut ist die Monatskarte: einen Monat fahren, zur Not rund um die Uhr an 30 Tagen: Das ist erlaubt. Wieso also kompliziert, wenn es doch seit Jahren so einfach geht. Gott sei Dank sind doch die Zeiten vorbei, wo es Monatskarten für einzelne Segmente/Zonen/Waben oder bestimmte Linien gab. Wer früher drüber hinaus wollte, musste einen neuen Fahrschein kaufen, wie umständlich! Das System, zwei Stunden Fahren mit einem Schein, kapiert nicht nur jeder Berliner, sondern auch jeder Tourist – ohne ein Zusatzabitur in Nahverkehrskunde. Dass komplizierte Preissysteme Kunden vergraulen, hat die Deutsche Bahn in diesem Jahr eindrucksvoll vorgeführt. Nach genau sieben Monaten wird das tolle, neue und wunderbar kundenfreundliche System (so wurde im Herbst letzten Jahres geworben) am 1. August wieder nach massiven Protesten gekippt und radikal vereinfacht. Wieso will die BVG jetzt wieder klüger sein? Oder soll nur eine drastische Tariferhöhung hübsch verpackt werden, damit sie keiner mitkriegt? Vermutlich. Jörn Hasselmann

WAS MEINEN SIE?

Soll die BVG den Fahrpreis nach der Entfernung berechnen?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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