Berlin : Kurzmeldungen

Bernd Matthies

PRO

Das war die übliche Reaktion auf den CDU-Vorschlag: Was? Ernst Reuter ist nicht Berliner Ehrenbürger? Damit hat sich die Diskussion eigentlich fast schon erledigt; es ist selbstverständlich, dass die Lücke zum 50.Todestag des Politikers geschlossen werden muss. Denn die Gegenargumente überzeugen nicht. Erstens: Gewiss freut sich die CDU, die SPD mit einem ihrer berühmtesten Mitglieder in Verlegenheit bringen zu können. Doch spricht das gegen die Ehrung? Das behauptet nicht einmal die SPD. Zweitens: Die Richtlinien sehen eine posthume Ehrung nicht vor. Das ist richtig. Aber sie verbieten sie auch nicht. Und es gibt ja Präzedenzfälle, Marlene Dietrich und Nikolai Bersarin. Die peinlich gewundenen Erklärungen aus dem Senat, beide seien ganz anders gelagert, sprechen für sich: Für Marlene Dietrich habe es schon zu Lebzeiten eine Initiative gegeben, heißt es, und Bersarin sei ja in Ost-Berlin Ehrenbürger gewesen. Nun sehen die viel zitierten Richtlinien aber auch nicht vor, dass die Ehrenbürgerwürde posthum verliehen werden kann, falls es zu Lebzeiten des Betreffenden eine Initiative gegeben hat – wer wäre auch in der Lage, eine solche Initiative zu qualifizieren? Und was Bersarin angeht, so ist er der PDS von den Sozialdemokraten offensichtlich als Koalitionsgeschenk spendiert worden. Drittens: Da könnte ja jeder kommen. Wirklich? Wie viele tote Berliner vom Range Ernst Reuters, die nicht in der Ehrenbürgerliste stehen, mag es noch geben? Nein, ganz einfach: Der 50.Todestag ist der Tag, an dem Ernst Reuter Berliner Ehrenbürger wird.

CONTRA

Natürlich, man kann von jeder Regel abweichen. Aber die Richtlinie für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft hat ihren guten Sinn: Die Stadt will den zu Ehrenden wegen seiner Verdienste um ihr Wohl als Bürger auszeichnen. Sie will ihn der Bürgerschaft als Beispiel präsentieren oder ihn durch die Ehrung in diese aufnehmen. Auf die Idee, dass damit die Erinnerung an einen bedeutenden Mann gewürdigt werden soll, muss man erst einmal kommen – die zur Begründung herangezogenen Fälle sind sichtlich an den Haaren herbeigezogen. Überhaupt ist es die Absicht, die verstimmt. Man will ja gerne glauben, dass der Gedanke, den Sozialdemokraten entgegen aller Übung zum Ehrenbürger zu machen, einer Verehrung für den politischen Ortsheiligen Berlins entspringt, die die CDU gerade jetzt heftig überkommen hat. Betrachtet man aber das Verhältnis von CDU und SPD, so ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass die CDU-Huldigung für den toten Genossen vor allem die SPD in Verlegenheit bringen soll. Die SPD im Bündnis mit der SED-Nachfolgepartei und der Antikommunist Reuter – wartet da nicht die Chance, dass sich die SPD vor der allgegenwärtigen Erinnerung an den großen Bürgermeister blamiert? Aber das Manöver blamiert bloß die Berliner CDU, die sich mit dieser Instrumentalisierung der Ehrung wieder einmal als tief provinziell und kleingeistig erweist. Für polemisch-politische Manöver aber ist die Ehrenbürgerwürde, ist Ernst Reuter zu schade. Hermann Rudolph

WAS MEINEN SIE?

Soll Ernst Reuter Ehrenbürger von Berlin werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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