Berlin : Kurzmeldungen

Stefan Jacobs

PRO

Was wird nicht alles für unsere Nachtruhe getan: Der Senat rückt dem Autolärm mit „Flüsterasphalt“ zu Leibe und hat auf vielen Straßen nachts Tempo 30 verordnet. Die Bahn baut teure Schallschutzwände, die BVG schmiert ihre Straßenbahnschienen, in Tegel gilt ein Nachtflugverbot, und wenn der Nachbar die Musik partout nicht leiser drehen will, dürfen wir die Polizei holen. Lärm gilt längst als Umweltverschmutzung. Auch, wenn er vom Gehweg her ins Schlafzimmer schallt. Geräusch- und Alkoholpegel steigen proportional: Je später der Abend, desto lauter die Gäste. Deshalb sollten sie nachts drinnen sitzen. Da gibt es auch was zu essen und zu trinken – die Kneipe bleibt ja offen. Schön für die Gäste, wenn sie am nächsten Morgen ausschlafen können. Und schön für uns Mieter in den Wohnungen über der Kneipe, wenn wir unseren Tagesablauf selbst bestimmen und uns fit schlafen können für den nächsten Arbeitstag. Kein splitterndes Bierglas lässt uns noch aus den Federn schnellen, kein Metallstuhl schabt sich mehr vom Gehwegpflaster bis in unsere Träume, kein plötzlich aufflackerndes Gelächter weckt das Baby nebenan. Wir müssen nicht mehr überlegen, wie wir dem Wirt das lautstarke Zusammenräumen der Stühle zwischen zwei und drei Uhr morgens abgewöhnen können. Und weil wir dank der Sperrstunde so schön ausgeschlafen sind, verbringen wir am Wochenende die halbe Nacht im Biergarten. Der liegt nämlich im Grünen, wo er niemanden stört. Deshalb darf er auch so lange öffnen, wie er will.

CONTRA

Natürlich will niemand neben der Autobahn wohnen. Aber hat man schon mal Forderungen gehört, dort um zehn Uhr abends den Verkehr einzustellen? Gut, es gibt Lärmschutzwände, die belasten nur das Auge, schonen aber das Ohr. Doch Markisen über Straßencafés haben eine ähnliche Wirkung. Und wie ist’s eigentlich am Kudamm, wo der Lärm der Autos gewiss den von Lokalgästen auf dem Bürgersteig übertönt? Auch hier leben viele Menschen, und man darf annehmen: gerne. Und freiwillig. Sie wussten, wo sie hinziehen. So banal es klingen mag: Auch in der Simon-Dach- oder einer angrenzenden Straße, am Kollwitzplatz oder in der Pariser Straße hat kein Mieter zwangsweise seine Wohnung zugewiesen bekommen, in der er nun bei fortgesetzter nächtlicher Ruhestörung bleiben muss. So wenig, wie sich die Ausgehviertel über Nacht etabliert haben. Wem es allmählich zu laut wurde, hatte genügend Zeit auszuziehen und hätte sicher auch diesseits von Marzahn oder Lankwitz eine ruhige Ecke gefunden. Doch, um Tucholskys Wort auf die Gegenwart zu wenden: Genau so möchten sie es: Vorm Haus die Friedrichstraße – aber um zehn Uhr abends wird, wenn’s Recht ist, auf die Ostsee umgeschaltet. Nee, Leute, da müsst ihr euch schon entscheiden. Und vergesst das andere: Die Zeit, die wirklich alle in Berlin lieben, den wunderbaren Sommer, zu dem Draußensitzen ganz elementar gehört, den lassen wir uns nicht verderben. Keiner soll mutwillig lärmen. Aber wer das Nachtleben ersticken will, steht auf verlorenem Posten. Holger Wild

WAS MEINEN SIE?

Soll im Freien um 22 Uhr Sperrstunde sein?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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