Berlin : Kurzmeldungen

Elisabeth Binder

PRO

Die Mauer hat die Welt 28 Jahre lang in zwei Hälften geteilt. Sie war das Symbol des Kalten Krieges. Sie brachte zwei Supermächte an den Rand einer atomaren Auseinandersetzung. Am Ende wurde sie friedlich überwunden. Sie fiel, ohne dass für ihren Fall Gewalt angewandt wurde. Die Reste der Mauer stehen also für den Sieg der Kultur über die Barbarei. Die Mauer war ein schreckliches Zeichen für das Unfassbare, was Menschen anderen Menschen antun können. Ihre Schrecken haben sich so tief in das Unterbewusstsein gesenkt, dass noch heute Berlin-Besucher fast immer zuerst danach fragen. Das, was die friedlichen Revolutionäre zustande gebracht haben, verdient eine bleibende Erinnerung. Natürlich weckt diese Erinnerung auch Scham über die primitiven Mechanismen, die sich durchsetzen konnten im Land der Dichter und Denker.

Andererseits stehen diese Reste auch als Signal der Hoffnung für alle Menschen, die anderswo auf der Welt von Unrechtsregimen eingesperrt werden. Wahrscheinlich wäre es einfacher, eine der Kirchen dem Weltkulturerbe zu empfehlen, von denen die Revolution ausging. Sie haben sich nur leider nicht in gleicher Weise ins globale Bewusstsein eingeprägt. Es sind die Mauerreste, die heute die abschließende Botschaft des Kalten Krieges symbolisieren: Dass Freiheitswillen sich letztlich durchsetzt. Dass Gebete erhört werden. Dass Revolutionen friedlich gewonnen werden können. So viel Kultur war nie.

CONTRA

Kaum einer kommt im Zusammenhang mit dem Weltkulturerbe auf „Auschwitz“. Gewiss, die Unesco-Fachleute haben sich etwas dabei gedacht, als sie das Vernichtungslager der Nazis in die Liste des Welterbes aufnahmen. Es dürfte in die Richtung gegangen sein, dass Auschwitz für den absoluten Zivilisationsbruch steht, für den Versuch, eine ganze menschengemachte, von Menschen geliebte und gelebte Kultur einzuäschern. Oder Hiroshima, ebenfalls auf der Welterbeliste zu finden: Weil eine ganze Stadt und ihre Bewohner um einer Kriegsstrategie willen vernichtet worden sind? Wie auch immer: Auschwitz und Hiroshima stehen für etwas Absolutes, für eine Gnadenlosigkeit, die ihresgleichen zu ihrer Zeit nicht hatte. Die Mauer, so widerlich sie war, hält dem Vergleich nicht stand. Womöglich ist die Grenze zwischen den beiden Koreas noch brutaler als es die Mauer war - trotz der 1000 Toten, die dem Grenzregime der DDR zum Opfer gefallen sind.

Ganz sicher aber hat die Mauer nichts mit Kultur zu tun, nichts mit der Vernichtung einer Kultur und nichts mit der Unkultur der amerikanischen Kriegsführung gegen Japan. Die Mauer gehört zur deutschen Geschichte; ihre Reste sollen geschützt und erhalten werden, damit es authentische Orte gibt, an denen man über die Brutalität der DDR-Grenzsicherung und das menschliche Antlitz des Sozialismus in Ruhe nachdenken kann. Aber sie war nicht mal im Negativen ein Beitrag zur Weltkultur. Das ist im Rückblick das einzig Gute an der Mauer. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Sollen die Reste der Berliner Mauer Weltkulturerbe werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

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