Berlin : Kurzmeldungen

Werner van Bebber

PRO

Bitte was? Noch eine neue Aufgabe für diesen überforderten, überteuerten, anmaßenden Staat? Und sogar eine, die mit Kontrolle und Vorschriften zu tun hat? Genau. Es ist Zeit dafür, dass eine Behörde, sei es das Jugendamt, sei es das Gesundheitsamt, ein bisschen genauer auf kleine Kinder achtet. „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern“, steht im Grundgesetz – „und die ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Jeder Nicht-Jurist liest aus diesem Artikel zweierlei heraus: Dass der Staat den Eltern – auch den allein erziehenden Müttern oder Vätern – nicht hineinzureden hat. Und dass er Eltern und vor allem die Kinder nicht allein zu lassen hat, wenn es Schwierigkeiten gibt. Manchmal sind es Kinderärzte oder Nachbarn oder Bekannte, die die Behörden aufschrecken, wenn Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden. Aber viel zu oft passiert das nicht – Polizeinachrichten und Gerichtsberichte bestätigen das. Also wird es Zeit für bessere Vorsorge. Die sollte darin bestehen, dass Mitarbeiter der zuständigen Behörden unverbindlich bei jungen Eltern vorbeisehen und sich einen ersten Eindruck über mögliche Hilfsbedürftigkeit verschaffen. Dafür muss man sie entlasten. Also: weniger Beratung – die nur die nutzen, die sich beraten lassen wollen. Und etwas mehr unverbindlich-wohlmeinende Ermittlung. Das werden Eltern, die ihre Kinder lieben, leichten Herzens über sich ergehen lassen. Weil sie wissen, wie hilflos Kinder sind.

CONTRA

Was wollen wir denn nun – dass der Staat uns möglichst in Ruhe lässt und nur das Nötigste vorschreibt, oder dass er uns andauernd überwacht, kontrolliert und zwangsbeglückt? Für eines muss man sich entscheiden, jedenfalls im Grundsatz. Denn man kann sich nicht fortlaufend über wuchernde Bürokratie und staatliche Bevormundung beschweren, um eine Minute später wieder nach dem Staat zu rufen. Er ist nicht verantwortlich, wenn Menschen lieblos zueinander sind. Wir müssen uns eben selbst umeinander kümmern. Es spricht ja nichts dagegen, dass der Staat Angebote macht, aufklärt, und dass er hilft, wenn Hilfe gewünscht wird. Die Frage ist aber, vom wem die Initiative dafür ausgehen soll. Vom Staat? Soll er alle und alles im Blick behalten und schon aktiv werden, wenn noch gar nichts schief gegangen ist? Denken wir das zu Ende, so kommen wir schnell an das Ende der Freiheitsrechte. Fälle wie jener der kleinen Michelle sind schrecklich, das ist klar. Aber das darf nicht dazu führen, dass sich der Staat unaufgefordert einmischt – es sei denn, es besteht Grund dazu. Grund heißt: Etwas ist passiert, oder jemand hat um Hilfe gebeten. Erfreulicherweise hat unsere Verfassung vorgesorgt. Der Schutz von Ehe und Familie steht im Grundgesetz, Artikel sechs, das Erziehungsmonopol der Eltern ergibt sich daraus. Artikel 13 regelt, dass wir sowieso niemanden hineinlassen müssen, der an unserer Wohnungstür auftaucht. Ein Glück, dass auch gar nicht genügend Personal da ist. Fatina Keilani

WAS MEINEN SIE?

Sollen die Behörden Kontrollbesuche bei jungen Eltern machen?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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