Berlin : Kurzmeldungen

Sandra Dassler

CONTRA

Auf dem Karussell fahren bekanntlich alle noch gleich schnell. Doch schon kurz nach Auffuttern der Zuckertüte greift die Leistungsgesellschaft mit ihren eiskalten Klauen nach den Sechsjährigen. Zwar bemänteln spielerisches Lernen und schwammig-verbale Einschätzungen zunächst noch ein wenig die Härte des Schulalltags. Aber spätestens dann, wenn ein Klassenkamerad sitzen bleibt, wird auch dem letzten Dreikäsehoch klar, dass die Kuschel-Pädagogik nur ein weiterer mieser Trick der Erwachsenen war.

Natürlich ist Sitzenbleiben für die meisten Schüler grausam. Aber noch grausamer ist es, aus Gnade mitgeschleift zu werden, Tag für Tag die eigene Unzulänglichkeit vorgeführt zu bekommen, ständig die Verachtung in den Augen der Altersgefährten zu sehen.

Ich bezweifle, dass spezifische Förderprogramme zur Vermeidung von Sitzenbleiben billiger sind als das Sitzenbleiben an sich. Ich bezweifle auch, dass solch gut gemeinte Experimente Kummer ersparen. Das schafft keine Schule: Sie muss Leistung fordern. Das schaffen nur Eltern, die ihren Kindern von Anfang an vermittelt haben, dass sie geliebt werden – unabhängig davon, welche Leistung sie bringen. Unabhängig davon, ob sie Arzt oder Maurer werden. Meine Nachbarn sind einfache, liebevolle Menschen. Als der Sohn jetzt die 5. Klasse wiederholen musste, tröstete die Mutter: „Thomas Mann ist zweimal sitzen geblieben – bestimmt wirste mal berühmt.“ Das Sitzenbleiben ist nicht das Problem – nur der Umgang damit.

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