Berlin : Kurzmeldungen

Claudia Keller

PRO

Kopfrechnen und Lesenkönnen reicht nicht, um heutzutage gut durchs Leben zu kommen. Kinder müssen lernen, wie man sich mit anderen auseinander setzt – ohne aufeinander einzuprügeln oder das Messer zu zücken. Man hat es sehr viel leichter, wenn man weiß, wie man Konflikte löst, wie man diskutiert und sich durchsetzt, ohne den falschen Ton zu treffen. Die Regeln des Kniggeratgebers sind dafür Nebensache. Viel wichtiger sind psychologisches Gespür, Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Auch das kann man trainieren. Bisher waren die Eltern dafür zuständig, ihren Kindern den Umgang mit anderen beizubringen. Immer mehr sind damit aber offenbar überfordert.

Warum sollten nicht die Schulen die entstandene Lücke füllen? Beim Kopfrechnen verlässt man sich ja auch nicht darauf, dass die Eltern das große Einmaleins beherrschen. Gutes Benehmen ist schließlich nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft im Ganzen zu wichtig, als dass man es dem Zufall überlassen sollte. Was spricht dagegen, dass Lehrer mit ihren Klassen üben, wie man andere respektiert und miteinander umgeht, wenn es die Schüler sonst nicht lernen? Und zwar regelmäßig und nicht nur mal nebenbei, wie es sowieso auch jetzt schon jeder gute Lehrer tut. Gäbe es „Benimmunterricht“ als Schulfach, hätte außerdem jedes Kind die gleiche Chance, zumindest zu erfahren, worauf es ankommt, keiner wäre mehr nur auf Fähigkeiten der Eltern angewiesen.

CONTRA

Das wurde auch Zeit: Die Leute sehen, dass viel zu viele Kinder und Jugendliche sich nicht mehr zu benehmen wissen. Und sie sehen, dass der Verfall von Umgangsformen unangenehme Folgen für alle hat. Wenn schon Kinder meinen, sie könnten machen, was sie wollen, machen Jugendliche wirklich, was sie wollen. Gesprächs-Unfähigkeit, äußerst rüde Töne in der Öffentlichkeit, extremistische Fluchkompetenz, Unsicherheit bei älteren und alten Leute kommen dabei heraus. Doch können nicht die Lehrer an den Schulen diejenigen sein, die die zivilisatorischen Standards setzen. Eltern, Verwandte, Nachbarn, Freunde sind zuerst gefragt. In den Schulen sollen die Lehrer die Folgen einer Bildungskatastrophe mildern. Mit und durch Pisa haben wir erkannt, dass die Bildung – auch die Herzensbildung – von Kindern nicht erst in den Schulen beginnen darf. Es muss viel früher losgehen, dann geht es erheblich leichter.

Davon abgesehen: Wir sehen gerade, wie schwer es Lehrern und den Erziehungsfachleuten fällt, schnell und wirksam die Lerndefizite der Kinder und Jugendlichen auszugleichen – da wollen wir ihnen einen neuen Auftrag zumuten, weil es uns zu mühsam ist, Zwei- und Dreijährigen zu sagen, was sie nicht dürfen? Und das in einem Land, in dem ohne Expertendiskussion und Enquetekommissionen politische Entscheidungen unmöglich geworden sind? Benimm lernt man an der simplen Frage entlang, ob man erleiden möchte, was man einem anderen gerade antut. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Soll es Benimmunterricht an den Schulen geben?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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