Berlin : Kurzmeldungen

Werner van Bebber

PRO

Mit der BVG ist es wie mit anderen Berliner Giganten, dem öffentlichen Dienst zum Beispiel: Erst jetzt bricht sich in diesen umfangreichen Institutionen die Erkenntnis Bahn, dass der Senat – und die Berliner – kein Geld mehr haben, um Beschäftigungspolitik wie zu Mauerzeiten zu machen. Nun überkommt die Beschäftigten das, was sie viele Jahre lang allenfalls aus den Nachrichten kannten – das kalte Grausen, weil es nicht weiter gehen kann wie bisher: mit der guten Bezahlung, mit der beamtenhaften Sicherheit, mit der Fürsorglichkeit eines Betriebes, der sich Freizeiteinrichtungen für seine Leute leistete, die jeder private Kunde teuer hätte bezahlen müssen. Das ist kein Grund für nachholenden Sozialneid oder für Schadenfreude angesichts von U-Bahn-Fahrern in Zukunftsangst. Es ist aber der Anlass, diesen Betrieb so zu überholen, dass er endlich bringt, was viele Leute teuer bezahlen.

Lang ist die Liste von Vorschlägen zum Sparen. Berlin muss keine nächtliche U-Bahn-Versorgung haben, die besser ist als die von New York. Berlin muss kein Streckennetz haben, das auf der Annahme beruht, BVG-Benutzer seien prinzipiell nicht fähig, mehr als 200 Meter zu Fuß zu gehen. Und schließlich müssen die Beschäftigten auch nicht fast ein Drittel mehr verdienen als diejenigen, die jetzt als Sub-Unternehmer der BVG Busse fahren. Es versteht sich, dass alle erstmal jammern werden, wenn die Radikalkur kommt. Dann muss man daran erinnern, wie weich die BVGler jahrelang gebettet waren.

CONTRA

Nichts kann bleiben, wie es ist, vor allem bei der BVG. Gegen ein schlankes Unternehmen kann niemand sein. Aber fünftausend Mitarbeiter abbauen und zugleich das Nahverkehrs-Angebot um 30 Prozent kürzen, das ist eine betriebswirtschaftliche Logik, die nicht funktionieren wird – weil sie ohne die Kunden gemacht ist. Die Zahl der BVG-Nutzer wird nicht wachsen, wenn man Bus-Linien einstellt oder Bahnen seltener fahren lässt. Im Gegenteil. Mit solcher Sparlogik rutscht die BVG nur in eine Spirale von Fahrgastschwund, erneuten Verlusten und immer weiterem Abbau. Das soll nicht heißen, dass nicht saniert werden muss; etwa bei der Verwaltung, die beim bisherigen Arbeitsplatzabbau nahezu verschont blieb. Aber überlebensfähig wird die BVG nur, wenn Leistung und Angebot auch in Zukunft stimmen. Das sicherzustellen, ist Aufgabe der Politik. Die hat es – ob CDU oder SPD – jahrelang verschlafen, der BVG auf die Finger zu schauen und notfalls zu hauen. Den Betrieb sanieren und das Nahverkehrsnetz attraktiv halten, so heißt die doppelte Aufgabe des Senats.

Nicht der Plan, nur jede zweite Haltestelle anzufahren, macht den Bus schneller und spart Personal, sondern Busspuren und besondere Ampelschaltungen. Die Politik muss dem Nahverkehr Vorrang und bessere Wettbewerbschancen einräumen. Das nützt nicht nur der BVG, das ist eine Zukunftsinvestition für die Stadt. Denn wenn Autodichte und Verkehr weiter zunehmen, werden mehr Berliner auf Bahn und Bus umsteigen wollen. Falls es die dann noch gibt. Gerd Nowakowski

WAS MEINEN SIE?

Soll die BVG einer Radikalkur unterzogen werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben