Berlin : Kurzmeldungen

In den 20er Jahren galt Friedrichshain als Chicago Berlins. Armut und Verbrechen beherrschten den Bezirk. Das rote Berlin, das Berlin der Arbeiter, aber auch das der Ganoven, ist Thema dieses Spaziergangs. Folgen Sie Galoschen-Emil in sein Revier Unterwegs in der Unterwelt

Ingo Bach

STADTTOUR 7: VON REVOLTEN UND GANGSTERKRIEGEN IM RAUEN OSTEN

Und wieso Galoschen-Emil? Emil Meier grinst. „Weil ick jerne mal Galoschen trage, wenn ick mir in eine ernste Auseinandersetzung bejebe. Von den Gummidrüberziehern lässt sich det Blut leichter abwischen.“ Emil lispelt ein wenig, weil ihm ein Schneidezahn fehlt, und auf dem Kopf trägt er eine Schiebermütze. Das karierte Hemd spannt über dem gewaltigen Bauch. Eine Hand ist verbunden. „Da ist einer mit dem Messer abjerutscht, als ick ihm auf die Schulter jeklopft habe", sagt Emil. Für Mitglieder eines „Ringvereins“ ist das Leben eben rau – vor allem in der Gegend um den Schlesischen Bahnhof in Friedrichshain, im verruchtesten Viertel des Berlins der 20er Jahre: in der „Unterwelt“, wie ein entsetzter Reporter der „Vossischen Zeitung" 1929 schreibt. Im „Chicago Berlins“.

Folgen wir also Galoschen-Emil zurück in seine Zeit, in enge, dunkle Gassen und verwinkelte Mietskasernen, wo die Funktionäre der KPD die größten Versammlungsräume in ganz Berlin betreiben und wo Arbeiter unter erbärmlichen Umständen hausen. Es gärt in Friedrichshain. Revolte liegt in der Luft – und die Gangster nutzen das zu ihrem Vorteil. Nur ein wenig Fantasie braucht der Spaziergänger, der sich im roten Berlin umgeschaut hat, für diese Zeitreise, wenn er zum Ende unserer Tour hier ankommt: am Ost-, früher Schlesischer Bahnhof. Denn von den ursprünglichen Häusern und Straßen rundum ist fast nichts mehr da, seit im Zweiten Weltkrieg alles in Schutt und Asche fiel.

Galoschen-Emil führt uns in die Breslauer Straße (heute: Am Ostbahnhof), zum Schauplatz einer der größten Straßenschlachten seiner Zeit. Beteiligte: Hamburger Zimmerleute und die „Immertreu“-Männer, die Mitglieder von Galoschen-Emils „Ringverein“. Kriminelle Syndikate waren diese Vereine und die Mitglieder einem Gangster-Ehrenritus verpflichtet. Taschendiebe, Betrüger, Zuhälter und Gewaltverbrecher schworen, keinen Ringbruder jemals zu verpfeifen. Und wer es wagte, sich an einem zu vergreifen, musste bezahlen. So wie die Hamburger, die sich am 29. Dezember 1928 mit dem Ringverein „Immertreu" anlegen. Galoschen-Emil war natürlich dabei. Daher die Blessur.

Ringalarm! „Immertreu"-Chef Adolf Leib, genannt Muskel-Adolf, trommelt seine Brüder zusammen, lässt im Vereinslokal, im „Schwarzen Walfisch" in der Madaistraße 14 (heute Erich-Steinfurth-Straße) anrufen, wo sie zechen. 150 Immertreue kommen. Es geht immerhin um die Ehre – und deshalb auf Rachetour ins „Naubur" in der Breslauer Straße 1 (heute: Am Ostbahnhof). Die Kneipe ist Treffpunkt für Zimmerleute aus Hamburg, die in Berlin beim Bau der U-Bahn helfen. Bei der Prügelei am Vorabend hat einer von denen doch glatt einen Immertreu-Kameraden erstochen. Es ist zwei Uhr morgens, als etwa 30 Zimmerleute auf 150 Immertreue treffen, mit Fäusten, Eisenstangen, Äxten und Pistolen. 100 Schüsse fallen in 20 Minuten, stellt die Polizei später fest. Es gibt einen Toten, viele Verletzte und hunderte Schaulustige. Aber keinen Zeugen…

Solche Ausbrüche sind aber die Ausnahme, denn die Ringvereine wissen, dass sie die Geschäfte stören. Deshalb setzten sie scheinbar auf Solidität. Oft sind die Vereine sogar polizeilich eingetragen, samt Satzung. So steht in der des Immertreu-Vereins, man wolle unter den Mitgliedern Geselligkeit und Freundschaft fördern. Man fährt auf „Herrenpartie" ins Grüne, singt im Chor – und organisiert Bälle. Manche gehören sogar zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens der Stadt.

Unter diesem Deckmäntelchen widmen sich die Ringvereins-Mitglieder jedoch ganz anderen Dingen. Sie haben das gesamte Amüsiergewerbe in Friedrichshain im Griff: Fast alle Restaurantbesitzer zahlen Schutzgeld, die meisten Prostituierten schaffen für Immertreu-Zuhälter an – auch Galoschen-Emil hat auf der Langen Straße „Puppen“ laufen. Und die Kofferdiebe auf den Bahnsteigen des riesigen Bahnhofs zahlen von ihrem „Einkommen" ihre Beiträge für den Verein. Von Gentleman-Ganoven keine Spur also. Und trotzdem – oder gerade deshalb – übt die Unterwelt von Friedrichshain auf so manchen aus den „besseren Kreisen" eine magische Anziehungskraft aus. Hier einen Abend zu verbringen, das gilt als „chic“.

Doch selbst hier existiert Anstand, Verbrecher sind eben nicht gleich Verbrecher. Muskel-Adolf zum Beispiel wird später dem Regisseur Fritz Lang für seinen Film über die Selbstjustiz der Ringvereine an einem Kindermörder („M – Eine Stadt sucht einen Mörder", 1931) als „Berater“ und Quelle dienen. So wie die unbescholtenen Berliner entsetzt sind über das, was da rund um den Schlesischen Bahnhof passiert, so sind das die Ringbrüder manchmal auch. Mit angewidertem Gesichtsausdruck führt uns Galoschen-Emil in die Lange Straße 88/89. Hier hat die Polizei 1921 den vielfachen Lustmörder Karl Großmann in seiner Wohnküche überrascht – der Alte kauerte neben einer nackten Frauenleiche.

Von 1918 bis 1921 waren 23 zerstückelte Frauen rund um den Schlesischen Bahnhof gefunden worden. Der wahrscheinliche Täter: Karl Großmann. Drei Morde können ihm schließlich vor Gericht zweifelsfrei zugeordnet werden. Großmann wird zum Tode verurteilt. „Det Schwein hätt ick glatt mit meinen eigenen Händen abjestochen", sagt Galoschen-Emil. Langsam geht er dann davon, die Lange Straße hinunter, und schüttelt unaufhörlich den Kopf. Im Dunkel der Straße, die nur spärlich von Gaslaternen erhellt wird, verschwindet er, zurück in die Geschichte, zurück zu seinen undurchsichtigen Geschäften…

1934 war es mit den Ringvereinen vorbei. Die Nazis verboten sie, viele Mitglieder verschwanden als Berufsverbrecher im KZ, andere wurden auf der Flucht erschossen. In den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges fielen zehn Jahre später die Mietskasernen um den Schlesischen Bahnhof in Schutt und Asche. Und schließlich tilgte die DDR mit ihren Plattenbauten fast alle Spuren des Chicagos von Berlin.

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